ARBEITSLOSIGKEIT

UND

KAPITALBILDUNG

Zugleich ein

bankpolitisches Programm

zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise

Von

Dr. rer. pol. Heinrich Rittershausen

 

Mit 1 Kurve im Text

Jena

Verlag von Gustav Fischer 1930

 

Alle Rechte vorbehalten. Printed in Germany

 

 

LIBERTARIAN

MICROFICHE

PUBLISHING

 

c/o J. ZUBE, "PEACE PLANS"

 

35 OXLEY ST., BERRIMA.

N.S.W. , 2577,

 

AUSTRALIA,

TEL.(02) 48 771436

jzube@acenet.com.au

 

 

(2005 address details!)

 

 

Reproduziert auf Mikrofiche, 1981 als PEACE PLANS No. 393 mit Genehmigung des Autors und nicht-exklusiver und widerruflicher Genehmigung des Gustav Fischer Verlags:

Postfach 720143, D 7000 Stuttgart, West Germany.

 

Druck von Ant. Kämpfe, Jena

 

 

(Innere Umschlagsseite, Verlagsanzeige.)

 

 

V e r l a g   v o n   G u s t a v   F i s c h e  r    i n   J e n a

 

Heinrich Rittershausen

Die Reform

der Mündelsicherheitsbestimmungen

und der industrielle Anlagekredit

Zugleich ein Beitrag zum Erwerbslosenproblem

VII, 90 S.  gr. 8o      1929      Rmk 3.60

 

 

Inhalt:

 

1. Die Bedeutung der Mündelsicherheitsvorschriften.

2. Die geltenden Bestimmungen. Anhang: Überblick über einige

    ausländische Regelungen.

3. Die Entstehungsgeschichte der Mündelsicherheits-

    bestimmungen.

4. Die Notwendigkeit einer Reform.

5. Volkswirtschaftliche Prinzipien der Anlage gebundener

    Kapitalien.

6. Die Reformvorschläge.

 

 

            Weltwirtschaftl. Archiv. Bd. 30 (1929), Heft 1:

 

R. sucht darzulegen, daß infolge der veralteten Bestimmungen über die Anlegung der Mündelgelder, Sparkasseneinlagen, Versicherungseinnahmen usw. mehr als die Hälfte des jährlich neugebildeten deutschen Kapitals in falsche Bahnen gelenkt wird. Der Satz, daß industrieller Kredit und städtischer Bodenkredit als weniger sicher von der Anlage solcher Gelder ausgeschlossen sein müssen, ist nach R. nach des Erfahrungen der letzten Jahr-zehnte und der Entwicklung des industriellen Kapitalismus nicht mehr aufrechtzuerhalten, insbesondere hat der öffentliche Kredit seine Vorzugsstellung eingebüßt R's Vorschlag geht dahin, für die in Frage stehenden Kapitalbeträge auch die Anlage in nach Maßgabe eines Reichsgesetzes gesicherten Teilschuldverschreibungen von Kreditanstalten öffentlichen und privaten Rechts und in Forderungen und Teilschuldverschreibungen zuzulassen, für die eine öffentlicher Aufsicht unterstehende Kreditversicherungsgesellschaft die Garantie übernommen hat.  hn

 

(J.Z.: Nach dem Leiter der Finanzabteilung der Berliner LVA, in den fünfziger Jahren, haben die Sozialversicherungsträger Deutschlands über alternativen Anlagemöglichkeiten schon seit 1923 nur diskutiert und verhandelt, sind aber, anscheinend, mit ihren Vorschlägen nie an die Öffentlichkeit getreten. Das wäre "politically incorrect" gewesen, denn der Staat hatte sich stets vorbehalten sich an diesen Vermögen zu vergreifen. Dieses staatliche Privileg hat, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch noch viel mehr Unrecht und Schaden angerichtet als die berüchtigte "jus primae noctis" der "Adligen" der Vergangenheit.

Der Staat hat diesen Mißbrauch auch, "tüchtig" unternommen und tut es, meines Wissens, immer noch. Das durch ihn verschleuderte Vermögen, z.B. für Hitlers Aufrüstung und Kriegführung, wird dann durch weitere Steuertribute und erhöhte Versicherungsbeiträge "legal" "ersetzt". – J.Z., 29.6.05.)

 

            Bankarchiv. 15. April 1929:

 

". . . Dieses Buch, das nur in der 1875 er­schienenen Schrift von Felix Hecht, Die Mündel- und Stiftungsgelder in den deutschen Staaten, einen Vorgänger hat, kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, die ganze Materie rechtlich, geschichtlich und rechtsvergleichend zusammenfassend zu behandeln und vor allem ihre gewaltige wirtschaftliche Bedeutung zu beleuchten;

            Wirkl. Geh. Rat Prof. Dr. H. Göppert, Bonn

 

            Deutsche Bergwerks-Zeitung. 8. 12. 1929:

 

" . . . Das ganz ausgezeichnete Buch verdient die besondere Beachtung der maßgebenden Kreise. 

            Dr. R. W.

(J.Z.: Die "maßgebenden Kreise" charakterisieren sich meist durch Unkenntnis oder Nichtbeachtung solchen Wissens! -

 

            Zeitschr. f. d. ges. Versicherungs-Wissenschaft. Bd. 29, 3:

 

Eine Schrift, die im Kreise der Individualisierung der Sozialversicherung ernste Beachtung ver­dient; denn der Verfasser übt scharfe und teilweise sicherlich nicht unberechtigte Kritik an den bisherigen Bestimmungen über Mündelsicherheit und über die Vorschriften, die so genannte mündelsichere Anlagen zur Pflicht machen. ... Es wäre zu wünschen, daß sich an die Vorschläge des Verfassers eine rege öffentliche Erörterung anschließt

                                    Prof. Dr. A. Manes, Berlin.

 

(J.Z.: Prof. Manes schrieb auch ein interessantes Buch über Staatsbankrotte, von Ulrich von Beckerath sehr empfohlen und daher von mir in meiner PEACE PLANS Serie verfilmt. – J.Z., 29.6.05.)

 

            Bankwissenschaft, 1929, Heft 3:

 

"... Das Buch ist so reich an tatsächlichem, kritisch verarbeitetem Material und an wertvollen, gut begründeten Vorschlagen, daß es der Beachtung aller dringend empfohlen werden muß, welchen die Gesundung der deutschen Wirtschaft durch Reform der Kapitalbewirtschaftung am Herzen liegt.      K.

______________________________________________________________________________________________________________

 

(J.Z.: Warum hat der Fischer Verlag seine Schriften von Prof. H. Rittershausen nicht im Druck gehalten? Erkannte er ihre Bedeutung nicht oder wollte er sie sogar der Öffentlichkeit vorenthalten?

Wenn er die Druckkosten und das Verlagsrisiko für solche Ausgaben nicht tragen wollte, warum hat er dann nicht von den sehr erschwinglichen alternativen Medien Gebrauch gemacht, um sie wenigstens so beständig und billig anbieten zu können?  Ich versuche das jetzt an seiner Stelle zu tun - wenigstens bis er sich selbst auf solche Möglichkeiten und seine Veröffentlichungspflicht besinnt.

Ein finanzielles Einkommen erwarte ich mir von dieser Ausgabe nicht sondern nur die Zufriedenheit in dieser Hinsicht meine Pflicht getan zu haben, so weit wie ich es konnte. 

Die Welt braucht solche Ideen - heute vielleicht mehr als je zuvor, um weitere von Regierungen und ihren Gesetzen und Maßnahmen geschaffene und aufrechterhaltene künstliche Katastrophen zu vermeiden oder endlich abzuschließen. - PIOT, John Zube, jzube@acenet,com.au   Berrima, 4.7.2005.)

_____________________________________________________________________________________________________________

 

 

 


 

Prof. Dr. W. Kalveram-Frankfurt a.M.

in dankbarer Verehrung

gewidmet

__________________________________________

 

Vorwort.

Das Nebeneinander von Massenarbeitslosigkeit, Warenhunger und Absatzstockung wird heute von immer weiteren Kreisen als paradox empfunden. Das Gefühl, eine Kredit- und Bankorganisation, die solche Störungen erlaubt, könne nicht in Ordnung sein, gewinnt an Verbreitung. Die nähere Untersuchung zeigt, daß dieses Miß­trauen der hergebrachten Lehre und Politik gegenüber berechtigt ist: Sie erweist, daß das Problem der Arbeitslosigkeit lösbar ist. Allen praktischen Versuchen, durch Ankurbelung der Wirtschaft oder durch öffentliche Arbeiten zusätzliche Arbeits­gelegenheit zu beschaffen, scheint der gegenwärtige Kapital­mangel im Wege zu stehen. Die unten entwickelte Theorie der Kapitalbildung und der Arbeitslosigkeit erweist die weit verbreiteten Ansichten über das Wesen des Kapitalmangels als Irrtum und zeigt, daß es auch heute genügend Kapital gibt, um alle Arbeitslosen zu beschäftigen und zu entlöhnen. Das darauf folgende Finanzierungs­programm erläutert im einzelnen, wie die sehr großen Beträge zur Beschäftigung der arbeitslosen Millionen in wenigen Wochen und Monaten aufgebracht werden können. Die gesamte Last liegt dabei auf den deutschen Banken, die unserer Wirtschaft schon vor dem Kriege einen fast märchenhaften Aufstieg ermöglicht und auch im Kriege gezeigt haben, was sie leisten können, wenn sie gesund sind und ihre Kräfte voll zu entwickeln vermögen. Das am Schlüsse gegebene bankpolitische Programm erörtert daher die in den letzten Jahren entstandenen Krankheitserscheinungen in unserem Banksystem und gibt eine Therapie zur Gesundung unserer Banken und dadurch zur Beseitigung der dringenden Not der Arbeitslosen und der Ge­schäftsleute.

 

Meine Untersuchungen sind auf das ganze Gebiet von Arbeits­losigkeit und Kredit gerichtet gewesen. Wenn ich in der vor­liegenden Schrift nur die den langfristigen Kredit und die Kapital­bildung behandelnde eine Hälfte meiner Ergebnisse veröffentliche, so geschieht das, um den Umfang und damit den Preis des Buches nicht zu sehr anschwellen zu lassen. Die andere Hälfte der Er­gebnisse soll binnen kurzem unter dem Titel "Arbeitslosigkeit und Banknotenausgabe" veröffentlicht werden. Auch eine dogmen­historische und -kritische Arbeit steht vor der Veröffentlichung.

 

VI

Bei all diesen Untersuchungen glaube ich fest auf dem Boden der deutschen bankpolitischen Tradition zu stehen, die in Adolf  Wagner, J. Riesser und Adolf Weber, meinem verehrten Lehrer, ihren besten Ausdruck gefunden hat. In dem gleichfalls berührten Gebiet der Sozialen Frage sind seit den Forschungen von Proudhon und Marx bahnbrechende Ideen kaum noch zu­tage getreten, wie eine Durchsicht der neueren Erscheinungen zeigt Wenn auch die "Bibliographie der Arbeitslosigkeit" des Internationalen Arbeitsamts in Genf (1926) allein für die Jahre von 1914-1925 155 engzeilige Druckseiten voll Schriften enthält, so ist es mir doch nicht möglich gewesen, auch nur ein Werk darin zu finden, das eine wirklich volkswirtschaftliche Problemstellung mit einer geschäftlich brauchbaren Lösung des anfänglich erwähnten Paradoxons verbindet, obwohl doch die Nachfrage nach einer solchen Lösung überaus dringend ist. Es scheint, als ob die Sozialpolitiker sich in der neueren Zeit ebensowenig mit dem Geld- und Bank­problem beschäftigt haben, wie die Bank- und Kredittheoretiker mit der sozialen Frage in ihrer heutigen Gestalt, der Arbeitslosigkeit.

_________________

Eine besondere Freude ist es mir, allen denjenigen zu danken, denen ich für das Zustandekommen dieser Schrift verschuldet bin. Neben Herrn Oberregierungsrat Dr. Morsbach, Direktor der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, dem ich meinen einjährigen Austauschaufenthalt in England ver­danke, und der Deutschen Gemeinschaft zur Erhaltung und Förderung der Forschung (Notgemeinschaft), die diese Abhandlung gefördert hat, muß ich besonders Herrn Dr. A. W. Fehling (Berlin), Secretary of the Fellowship Advisory Committee of the Rockefeller Foundation for the Social Sciences in Germany hervorheben, wie ich überhaupt der Rockefeller Foundation verpflichtet bin, die beschlossen hat, mir die Fortsetzung meiner Untersuchungen in Frankreich, Spanien und Italien für ein weiteres Jahr zu ermöglichen.

Berlin-Zehlendorf, im Herbst 1930. Riemeisterstr. 101.

 

                                                          Heinrich Rittershausen.

 

_________________________________________________________________________________________


 

Allgemeine Inhaltsübersicht.

 

                                                                                                            Seite

 

Vorwort                                                                                                           V

Analytisches Inhaltsverzeichnis ......................................................             VIII

Zusammenfassung der wichtigsten theoretischen Gedanken                     XIII

Einleitung: Die Arbeitslosigkeit...........................                   l

1  Kapitel: Volkswirtschaftliche  Grundbegriffe.............................             20

2. Kapital: Wesen und Aufgaben der Kapitalbildung und

    des langfristigen Anlagekredits                                                                38

3.  Kapitel: Die  gegenwärtige Organisation  des Anlagekredits

    und ihre Mängel                                                                                        68

4.  Kapitel: Bisher  gemachte unzulängliche Vorschlage zur     

    Beseitigung der Arbeitslosigkeit                                                              93

5.         Kapitel: Ein Programm zur Finanzierung von

    Arbeitsgelegenheit:                                                                                   102

a)   Das große Mittel..........................................................                     102

b)   Die Voraussetzungen....................................................                     129

c)    Die Hilfsmaßnahmen.................................................                        137

        d) Die Annäherung von Reichsbank und Großbanken                        143

Literaturnachweis.....................................................................                     149

Alphabetisches Sach- und Personenregister.........................                       151

 

 

 

                                    Analytisches Inhaltsverzeichnis.

Seite

 

Vorwort                                                                                                                       V

Allgemeine Inhaltsübersicht                                                                                           VII

Analytisches Inhaltsverzeichnis                                                                                      VIII

Zusammenfassung der wichtigsten theoretischen Gedanken                                            XIII

 

                                        Einleitung.

                                      Die Arbeitslosigkeit.

 

1. Geschichte der Arbeitslosigkeit                                                                                 1

            a) im  klassischen  Altertum.

            b) im Mittelalter.

            c) in der beginnenden Neuzeit.

            d) in der Zeit des liberalen Kapitalismus

2. Umfang, Gliederung und Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der neuesten

    Zeit                                                                                                                          5

3. Schäden der Arbeitslosigkeit                                                                                     11

4. Der Absatzmangel und sein Verhältnis zur Arbeitslosigkeit                                         13

5. Arten der Arbeitslosigkeit                                                                                         16

6. Definition  und Wesen  der objektiven Arbeitslosigkeit als des Mangels

    an Arbeitsgelegenheit in zwei Formen                                                                        17

 

                                                  Erstes Kapitel.

                          Volkswirtschaftliche Grundbegriffe.

 

a) Produktionserlös und Einkommen                                                                             20

            1. Die Produktion-Konsumgleichung                                                                 20

            2. Begrenztheit der Produktionsmöglichkeiten, Unbeschränktheit der

                Konsummöglichkeiten                                                                                   21

`           3. Die Produktionserlös-Einkommensgleichung                                                  22

            4. Das Einkommen                                                                                           25

            5. Der volkswirtschaftliche Einkommensbegriff                                                  25

            6. Das abgeleitete Einkommen                                                                          26

b) Konsum und Ersparnisse                                                                                          27

            1. Die beiden Möglichkeiten der Einkommensverwendung                                 27

            2. Konsumgüter und Kapitalgüter                                                                      27

            3. Sparen und übertragener Konsum                                                                 28

            4. Sparen und Kapitalgüterverbrauch                                                                28

            5. Verteilung der Arbeitskräfte auf die beiden Hauptindustrien                            29

            6. Kapitalbildung                                                                                              30

Zusammenfassung                                                                                                         30

c) Die Problematik der Verteilungslehre und die Störungen im Absatz                            31

            I. Der Zeitunterschied                                                                                       31

                        1. Die Diskontierung                                                                             32

                        2. Die Banken und der Umsatzkredit                                                     32

                        3. Der Notenumlauf und die Zentralnotenbanken                                   32

            II. Der unvollendete Sparvorgang                                                                      33

                        1. Widerlegung der Ausbeutungstheorie                                                 34

                        2. Die Verwandlung der Unternehmerersparnisse

                            in Kapitalgüter                                                                                  35

                        3. Die Vollendung des Kapitalbildungsvorganges

                            erst durch die Antizipationskredite                                                     36

                        4. Die übrigen Probleme des Anlagekredits

                            im Rahmen der Erlös-Ein­kommensgleichung                                      36

 

 

                                                            Zweites Kapitel.

                             Wesen und Aufgaben der Kapitalbildung

                             und des langfristigen Anlagekredits.

 

a) Die Kapitalbildung                                                                                                    38

            1. Wesen der Spargelder                                                                                  38

            2. Arten der Ersparnisse                                                                                   38

            3. Einkommensparen (im Sinne von épargner)                                                   39

            4. Die Verschiebung der verfügbaren Arbeitskräfte

                innerhalb der Gesamt­industrie durch Spartätigkeit                                          42

            5. Kostensparen (im Sinne von économiser)                                                      43

            6. Die negative Spartätigkeit                                                                              46

            7. Die Kapitalbildung                                                                                        46

b) Arbeitslosigkeit infolge von Rationalisierungen                                                           48

            1. Kaufkraftrückgang als Ursache des Fehlschlages

                von Rationalisierungen                                                                                   48

            2. Die angebliche Steigerung der Unternehmerkaufkraft                                     51

            3. Volkswirtschaftlich richtige Rationalisierungen                                                53

c) Die Effektivierung der latenten Kapitalbildung                                                            54

            1. Latente und effektive Kapitalbildung                                                              54

            2. Zielbewußte Produktion von Ersparnissen                                                     55

            3. Der antizipierte Emissionskredit bei den deutschen Großbanken                     58

            4. Antizipierter Emissionskredit und

                Arbeitsgelegenheit vor dem Kriege                                                                61

            5. Die Antizipation der Ersparnisse durch die Banken als Mittel

                zur Voll­endung des Kapitalbildungsprozesses                                                64

            6. Der interlokale Ausgleich durch den Kapitalmarkt                                          64

            7. Abgrenzung gegen die expansive Kredittheorie von  Macleod,

                Schumpeter, Hahn u. a.                                                                                 65

 

                                                            Drittes Kapitel.

Die gegenwärtige Organisation des Anlagekredits und Ihre Mängel.

 

a) Die Vernachlässigung des Antizipationskredits                                                           68

            1. Börsentätigkeit und Arbeitslosigkeit vor dem Kriege                                      68

            2. Der Rückgang und seine Gründe                                                                   69

            3. Sinken der Führerqualitäten der Bankleiter                                                    70

b) Die Überversorgung des Geldmarktes auf Kosten

    des Kapitalmarktes                                                                                                   71

            1. Trennung der kurzfristigen und der langfristigen Gelder durch

                den Zins                                                                                                       71

            2. Die Bedeutung des Diskontsatzes für den

                langfristigen Anlagekredit                                                                              73

            3. Die Fehlleitung langfristiger Anlagemittel durch die

                deutsche Bankorgani­sation                                                                            74

            4. Keine erhöhte Verwendungsmöglichkeit für Umsatzkredite                            77

            5. Die geringere Liquidität der Sparkassen ein wichtiger

                Ausgleichsfaktor am Vorkriegsgeldmarkte                                                     77

            6. Die Zunahme echter Spargelder in den Bankdepositen                                   78

            7. Ungesunde Verwendung kurzfristiger Kredite zu Anlagezwecken                   79

            8. Die Effektenkredite an die Börse als Sicherheitsventil                                     80

            9. Mangel einer Organisation des langfristigen Industriekredits                            82

            10. Zusammenfassung und Abgrenzung gegen

                  die Antizipationskredite                                                                               84

c) Die Blockierung des  industriellen Kapitalmarkts durch die

    Mündelsicherheits­- und Anlegungsvorschriften                                                           86

            1. Wesen und Bedeutung der Mündelsicherheits- und

                Anlegungsvorschriften                                                                                   86

            2. Die Verkümmerung des industriellen Anlagekredits

                als Folge der Vor­schriften                                                                             86

            3. Anlegungsvorschriften und Arbeitsgelegenheit                                                87

            4. Ergebnis                                                                                                       88

d) Die Verhinderung der Wiederhereinnahme der Kapitalflucht in Form von

    Anleihen des Auslandes an uns                                                                                  89

            1. Umfang der Kapitalflucht und der Auslandsanleihen                                       89

            2. Identität von Auslandsverschuldung und Kapitalflucht                                     90

            3. Der Kampf gegen die Auslandskredite und seine Folgen                                90

 

                                                Viertes Kapitel.

                        Bisher gemachte unzulängliche Vorschläge

                       zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit

 

Vorbemerkung                                                                                                             93

a) Lohn- und Preissenkung                                                                                            93

b) Arbeitsverschiebung                                                                                                 94

c) Verstaatlichung der Wirtschaft                                                                                   95

d) Arbeitsdienstpflicht                                                                                                   96

e) Sparzwang                                                                                                               97

f) Verweigerung der Kriegsentschädigungszahlungen                                                      97

g) Erwerb von Kolonien                                                                                                98

h) Verkürzung der Arbeitszeit                                                                                        99

i) Aufnahme von Anleihen                                                                                             100

 

                                                     Fünftes Kapitel.

            Ein Programm zur Finanzierung von Arbeitsgelegenheit.

 

a) Das große Mittel:  Zusätzliche Kapitalbeschaffung aus der unerschlossenen

    latenten Kapitalbildung                                                                                              102

            1. Heilung der Arbeitslosigkeit von ihrer Ursache aus                                         102

            2. Die latente Kapitalbildung als Kapitalquelle                                                    103

            3. Grenzen der zusätzlichen Kapitalbildung durch Antizipationskredite                103

            4. Solche Antizipationskredite sind nicht

                mit "Kreditausdehnung" identisch                                                                   104

            5. Kreditausweitung nach dem Plane von J. M. Keynes                                     105

            6. Die praktische Durchführung der Finanzierungsaktion                                     107

            7. Verwendung der Kapitalien  und der Arbeitskräfte zur

                Schaffung lang­lebiger Kapitalgüter                                                                 108

            8. Das Baugewerbe als Schlüsselindustrie                                                          109

            9. Ein Bauprogramm                                                                                         109

               Wohnungsbau. — Umgestaltung von Großstädten. 

               — Bodenmelio­rationen. — Abwässerverwertung. — Straßenbau.

            10. Beispiele aus der Geschichte und aus dem Auslande                                    115

                  Deutschland vor dem  Kriege.    Umgestaltung von  Paris  durch

                  Haussmann. — Wiederaufbau Tokios.

            11. Staatliche oder private Projekte                                                                  117

            12. Staatskredite oder Bankkredite                                                                   118

            13. Banknotenumlauf und Giroguthaben                                                            118

            14. Verwendbare und unverwendbare Arbeitskräfte                                          119

b) Die Voraussetzungen                                                                                              120

            I.  Die Senkung des Zinsniveaus                                                                     120

                        1. Rentabilität der Projekte und Zinsniveau                                            120

                        2. Ursachen der gegenwärtigen Höhe des Zinsniveaus                            121

                        3. Befreiung des deutschen Zinsniveaus aus seiner Abhängigkeit

                            vom Auslande                                                                                   123

                        4. Das Mittel dazu: Abstoßung der kurzfristigen

                            Auslandsverschuldung                                                                       124

                        5. Die Überkompensierung der kurzfristigen Auslands-

                            verschuldung durch aufzunehmende Anleihen                                     124

            II. Die Umgestaltung des Großbankgeschäfts                                                126

                        1. Liquidität und Antizipation                                                                 126

                        2. Frankreich als Beispiel: Ein Land ohne Arbeitslosigkeit                      127

                        3. Die Rückkehr zur Arbeitsteilung zwischen  Sparkassen und

                            Banken                                                                                             129

                        4, Die Halbierung der Bilanzsummen bei den Großbanken                     131

                                    a) Rückgang der Auslandskreditoren. 

                                    b) Entbehrliche Devisen­reserven. 

                                    c) Umwandlung eines Teiles der inländischen Kredi­toren

                                        in Effekten. 

                                    d) Abstoßung industrieller Debitoren.

                        5. Die Annahme langfristiger Gelder

                            und deren Anlage in Effekten                                                             133

                        6. Die Illiquidität der Großbanken als internationales Problem                133

                            England. — Die Vereinigten Staaten: Anlage der Kreditoren

                            in Effekten und Krediten. — Vergleichung mit den deutschen

                            Banken. — Eine Äußerung Andersons. — Gefahren von

                            Bank­anlagen in Effekten.

c) Die Hilfsmaßnahmen                                                                                              137

            1. Popularisierung des Effektenbesitzes                                                              137

            2. Förderung der Börse                                                                                    138

            3. Kapitalanlagegesellschaften                                                                           138

            4. Organisation des industriellen Anlagekredits                                                   139

            5. Beseitigung der Ursachen der Kapitalflucht                                                    140

            6. Neugestaltung der Mündelsicherheits- und Anlegungsvorschriften                   141

            7. Steuerreform                                                                                                142

d) Die Annäherung von Reichsbank und Großbanken                                               143

            1. Verfeinerung auch des Umsatzkredits                                                            143

            2. Förderung des antizipatorischen Bankakzepts                                                144

            3. Zusammenarbeit zwischen Reichsbank und Großbanken                                145

 

Literaturnachweis                                                                                                       149

Alphabetisches Sach- und Personenregister   (Hier gleich anschließend! – J.Z)           151

           

 

 

Sach- und Personenregister.

 

(Im Original auf S. 151- 154, hier vorverlegt, um leichter zugängig zu sein. – J.Z.)

 

Die Ziffern bezeichnen die Seitenzahlen.


Absatzmangel 13, 20, 21, 50, 51.

— chronischer 51.
Abwässerverwertung 113.
Agrarprogramm  112.
Aktienrechts, Reform des - 140.
Akzeptkredite 60, 66,  144 ff.
Altwohnungen 110.
Amerikanische Banken, Lage d. 133 f.
Anderson, B. M. 135.
Anlagekredit, langfr. 36.

—s, Quelle des 66, 103.

Anlegungsvorschriften 86,  141.

Anleiheaufnahme als Mittel 100.

Antizipationskredite 36, 58, 60, 61, 64, 85, 97, 103 (Bankakzepte);  145 (Grenzen) — zwei verschiedene Begriffe der, als tech­nisches Hilfsmittel und als Mittel zur Effektivierung latenter Ersparnisse 85, 126, 127.

— Vernachlässigung der - 68.
Arbeitsdienstpflicht 96.
Arbeitsbeschaffungsanleihen 101.
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Reichsregierung 115, 100.

Arbeitslosigkeit, Geschichte der 1ff.

- im Mittelalter 2, 3.

- bei Kriegsbeginn 9.

- bei der Demobilmachung 9,  10.

- in Rußland: Fußnote S. 11 u. 23.

- Gesamtzahl 5, 8, 9.

- Arten 15.

- subjektive 15.

- objektive 15, 16, 17.

- Umfang 5.

- Gliederung   nach   Berufsgruppen  (Tab.) 5, 6.

- innerhalb der Gruppe Holzarbeiter (Tab.) 6.

- zeitlich (Tab.) 6.

- regional (Tab.) 8.

- Programm gegen 102 ff.

 

Arbeitslosigkeit, Wesen der XIII, 17, 19, 51, 54, 102, 144, 146.

— identisch mit Kapitalflucht 90.

Arbeitslosenversicherung 120.

Arbeitsteilung zwischen Banken und Spar­kassen 129 ff.

Arbeitsverschiebung 94.

Arbeitszeit, Verkürzung der 99, 100.

Armengesetze 4.

Aufklärungsfeldzug gegen Kapitalflucht 141,

Ausbeutungstheorie 34.

Auslandsanleihen 89ff., 122, 124, 131.

Auslandskreditoren 124, 131.

Auslandsverschuldung 89, 124.

 

Bankakzept 60, 66, 144 (antizipator.).

Bankdirektoren 70.

Bankkonten, Vorgänge auf den, bei Ratio­nalisierungen 52.

Bankkredite, zusätzliche 66, 104.

Banknotenausgabe, -wesen 65, 118, 144. Bankobligationen 133.

Barocks, Egon, Dr. 112.

Baugewerbe, -programm 108, 109 ff.

Beispiele aus d. Geschichte 115.

Bernhardt, Gg., 145.

Beschäftigungsgrad 50.

Beseitigung der Arbl. 102.

Beurlaubungen 100.

Beveridge 94.

Bilanzsummen, Halbierung der 131. Bodenmeliorationen 112.

Börse 68, 69, 132, 138 (Förderung der).

Börsenkredite in U.S.A. 134.

Börsenspekulation 81.

 

Cassel, Gustaf, 21, 90.

 

Definition der Arbl. 17, 19, 41, 51, 53, 54, 102, XIII.

Deflation 105.

Dernburg 147.

Deutsche Bodenkultur A.-G. 112.

Devisenreserven 131.

direkte Steuern 142, 143,

Diskontierung 32.

Diskontpolitik, unabhängige 124.

Diskontsatz 73.

Dränagen 112.

 

Économiser 43.

Effektenabsatz durch Börsenkr. 81.

Effektenanlage durch Großbanken 123 ff.

Effektenkredite 80.

Eierfarm als Beispiel 35.

eingefrorene Kredite d. Großb. 80.

Einkommen 24, 25, 26.

- abgeleitetes 26.

- übertragenes 28.
Einkommensparen 39.
Einkommenspyramide 121.
Einkommensteuer 143.
englische Arbeitsl.  101.
englische Banken 59, 78, 133.
Enquete (Reichsbank) 145.
Erdbeben und Arbl. 116, 117.
Ersparnisse 27 ff., 38 ff., 53.
Ersparnissen, Produktion von 55.

 

Finanzierungsprogramm 102, 107 ff.

Frankreich als Beispiel 110, 115, 122, 127

 

Geldmarktes, Überversorgung des 71.

Genzmer 111.

Giroguthaben 118, 119.

Globalwarenwechsel 147.

Goldbestand der Reichsbank 122.

Goldklausel 92, 140.

Großbanken  69 (Kreditpolitik), 78, 131 ff

- (Effektenanlagen), 143, 148.

Großindustrie, Kredit der 83.

Grzimek (Abwässerverw.) 113.

 

Hahn, A. L. 65.

Handelswechsel 146.

Haußmann (Paris) 110, 111.

Hecht, Felix 83, 139.

Henderson, H. D. 106.

Heymann (Straßenbau) 113, 114.

Hilfsmaßnahmen 137 ff.

Hirsch, Jul. 14, 77.

 

Indirekte Steuern 142.

Industriekredite der Banken 127, 132.

Industriekredit 82, 86, 139 (Org. des).

Illiquidität der Großbanken 133 ff.

Inflation 105.

Inlandsanleihen 101.

Inseln billigen Geldes 123.

Investment Trusts 138, 139, 142.

 

Käferlein, H. 145.

Kanalbauten 112.

Kapitalanlagegesellschaften 138, 139,  142.

Kapital  27,  30, 39, 40, Beschaffung 102. Kapitalbildung 29, 30, 33, 35, 36, 47, 64,

- Mangel an K. 36.

- als Ursache der Arbl. 17.

- effektive und latente 55.

- zusätzliche 53.

- Förderung der 57.

- Vollendung der 36, 55, 58, 64, 67.

Kapitalflucht 8g ff.; identisch mit Auslands­anleihen 90; Beseitigung der Ursachen der K. 140, 143.

Kapitalgüter 27, 39, 40.

Kapitalmarkt 64.

Kapitalmangel, keine Ursache der Arbl. 55, 58, 65.

Kapitalquelle 103.

Kaufkraft, aktuelle 52.

— geht unter 53.

Kaufkraftrückgang infolge von Rationali­sierungen 48.

Keynes, I. M. 105.

Kolonien 98.

Kommunistisches Verteilungssystem 22.

Konsumptivkredite 46.

Konsum  27 ff.;  - Besteuerung 142,143;

- güter 27, 38; - möglichkeiten (unbegrenzt) 22; -rückgang 51; übertragener 28; - theorie 51, 52. Kostensparen 43 ff.

Kreditausdehnung 104 - 106; -schöpfung 32; - theorie (expansive) 65.

Kreditorensteigerung 74, 78.

Kriegsentschädigung 97, 88.

Krise d. J.1930 105.

Kursrückgänge 136.

Kurzarbeit 7.

Kurzfristigen Geldern, Zuwachs an 76, 77.

 

Landwirtschaft 112.

langfristige Gelder 71, 73, 78.

langfristiger Industriekredit 82, 84, 86.

Lasten, soziale 54.

latente Kapitalbildung 103.

Liquidität 80, 83; - und Antizipation 126ff.;

- der Sparkassen 77.

Lohngelder 52.

Lohnsenkungsaktion 70, 93.

Lloyd Georges Vorschlag 101, 106.

 

MacLeod 65.

McKenna 133.

Meliorationen 112.

Mißbrauch der Effektivierung 103.

Mittlere Industrie, Kredit der 139, 142.

Mündelsicherheitsbestimmungen 86.

- Neugestaltung der 141.

 

Napoleon III. 110.

Notenbanken 145, 147.

 

Objektive Arbl. 15.

Ödländkultivierungen 112.

 

Paris, Umgestaltung von 110, 115.

Pariser Grossbanken als Geldgeber 122, 123.

Pauchalierungssystem 144.

Polen, Kreditwesen von 144.

Preis 24.

Preisniveau 25; -politik 144.

Preissenkung 93.

Preissteigerungen 104, 105.

Prion 76.

Privatdiskonten 144 ff.

Produktivgüter (Kapitalgüter) 27.

Produktionserlös 23, 24.

Produktionskapazität 18, 55.

Produktions-Konsumgleichung 20.

Produktionsmittel 27, 41.

Produktionsmöglichkeien (begrenzt) 21, 22.

Programm gegen Arbl. 102 ff.

Prosperitätsproblem 19.

Proudhon 33, 35.

 

Rationalisierungen 44, 48; volkswirtsch. richtige 53, 59; verfehlte 50, 54.

Reichsbank 73, 74, 118, 143-148.

Reichsetat und Arbl. 117, 140,

Rentablität der Projekte 120.

Rente (Differentialrente) 24, 25.

Reparationslasten 97, 98.

Reportgelder 82 (Anmerk.), 81.

Riesser, J. 145.

 

Saisonmäßige Arbl. 94,  100.

Say, I. B. 49.

Schacht 69, 70, 90, 123, 137, 138, 147.

Schäden der Arbl. 11.

Schanzscher Einkommensbegriff 25.

Schmidt, F., Prof. 138.

Schumpeter 65.

Selbstfinanzierung 55.

Solmssen 71.

Sozialisierung 95.

Sparen 27, 38 ff., 41 (s. auch "Kapitalbil­dung"); negatives 46; unvollendetes 33, 36, 55; Sparzwang 97,

Sparkassen 75 (Kreditoren); 77 (Liquidität); 129ff., 132.

Spekulation 81.

Staatliche oder private Projekte 117.

Städtebau 111.

Steuern 139, 141; Steuerbelastung 98; Steuerreform 142.

Straßenbau 113.

subjektive Arbl.  15.

 

Tokio, Wiederaufbau von 115, 116.

Trennung der Depositen in lang- und kurz­fristige Mittel 72.

 

Überkompensierung  der  kurzfristigen Aus­lands-    

   verschuldung 124 ff.

Überversorgung mit kurzer. Kredit 36.

Umgestaltung des Großbankgeschäfts 126 f. Umgestaltung von Großstädten 111.

Umsatzkredit  32, 143; Verfeinerung  des – 143.

Umschuldung 82.

Umwandlung von Vorschüssen in Anleihen 64. Unternehmerkaufkraft 51, 52.

Unternehmer, Aufgabe der 56.

Ursachen der Arbl. 17, 18, 102.

 

Verschiebung von Arbeitern 41, 48

Verstaatlichung 95.

Verteilung 31.

Volkseinkommen 98.

Vollendung der Kapitalbildung 102 ff.

Vorschläge z. Bekämpfung d. Arbl. 102, 93

Vorräte 66 (Fußnote).

 

Währung 148.

Weber, Adolf 20, 63, 126, 138. Wechseldiskontvorschriften der Reichsbank 144 ff.

Wiederaufbau von Tokio 115, 116.

Wirtschaftsführer 54.

 

Young-Plan 11, 97, 98.

 

Zentralnotenbanken 32, 147.

Zeitunterschied 31.

Zickert, Dr. Herm.  139.

Zins 24, 25; - gefälle 123; - spanne 72; - niveaus (Senkung des) 120 f.

Zünfte 3.

Zwangsarbeit (Arbeitsdienstpflicht) 96.

 

(jz1)


 

- 154 -

 

XIII

 

Zusammenfassung der wichtigsten theoretischen Gedanken.

(Fettdruck durch J.Z.)

 

            1. Es gibt zwei Arten der Arbeitslosigkeit, nämlich diejenige, die durch Störungen im Güterumschlag und im Umsatzkredit verursacht ist, und diejenige, die durch Störungen in der Kapitalbildung und  im Anlagekredit  hervorgerufen  ist. In dieser Schrift wird allein die zweite Art behandelt, da die erstere Art gegenwärtig weniger aktuell ist.

           

            2. Kapitalbildung bedeutet nichts anderes, als Arbeitskräfte aus der laufenden Konsumgüterproduktion frei machen für die Herstellung von langlebigen Produktivgütern.

 

            3. Daher ist zu unterscheiden zwischen der latenten (oder unvollendeten) und der effektiven (oder vollendeten) Kapitalbildung: Die latente Kapitalbildung tritt ein, wenn durch Entlassung von Arbeitskräften Ersparnisse erzielt  worden sind. Diese latente Kapitalbildung wird erst dann effektiv, wenn die entlassenen Arbeitskräfte für die Her­stellung von langlebigen Gütern nun auch angesetzt und entlohnt werden.

 

   4. Arbeitslosigkeit ist also unvollendete Kapitalbildung.

 

            5. Die überaus große Arbeitslosigkeit  des Jahres 1930 ist vorwiegend dadurch hervorgerufen, daß die seit 1914 rückständigen Rationalisierungen von 1925 an in wenigen Jahren nachgeholt wurden.  Diese starke Steigerung der Kapitalbildung wurde nur eingeleitet, aber nicht vollendet: Eine entsprechende Anzahl von Arbeitskräften wurde zwar eingespart und für die Herstellung von langlebigen Gütern freigemacht, hier aber nicht angesetzt. Es ist also viel latente, aber wenig effektive Kapitalbildung vorhanden. (jz2)

 

            6. Dadurch erklärt sich die Absatzstockung, die heute die Lage der Industrie und des Handels kennzeichnet: Sie ist durch die Unterbrechung,  das Nicht-Vollenden des Kapitalbildungsvorganges hervorgerufen. Die Konsumgüter verfaulen und verderben also, während zugleich große Not unter den Arbeitslosen herrscht.

 

            7. Daher bedeuten Rationalisierungen geldwirtschaftlich nichts anderes, als Defla­tion. Es werden weniger Löhne ausgezahlt, während das Warenangebot unverändert bleibt oder sogar steigt. Der Glaube, die effektive Kaufkraft der Unternehmer wachse um  den ersparten Lohn, wodurch die Absatzstockung vermieden werde, ist irrtümlich.

 

            8.  Das wirtschaftliche Mittel, die überflüssigen Konsumgüter in die Hände der notleidenden Bevölkerung zu bringen, ist allein der kurzfristige Lohngeldervorschuß der Banken an die Unternehmer.  Hierdurch kommen die Unternehmer in die Lage, die Arbeitslosen einzustellen, um mit ihnen Wohnungen usw. zu bauen.  Arbeitslosigkeit und Absatzstockung werden so beseitigt.

 

            9. Diese Erbauung langlebiger Güter mit kurzfristigen Krediten ist nichts un­gewöhnliches,  denn  neues langfristiges Kapital tritt niemals in Form von Häusern, Maschinen und anderen Dauergütern auf, sondern stets in Form von Lebensmitteln und ähnlichen Konsumgütern parallel mit den durch die Sparvorgänge entbehrlich gewordenen, nun also verfügbaren Arbeitskräften.  Die heutige Arbeitslosigkeit ist also nur eine Teilerscheinung des Kapitalbildungsvorganges. Erst die Verwendung dieser Arbeitslosen für die Erstellung von Kapitalgütern und ihre Entlohnung mit diesen Konsumgütern (aus kurzfristigem Kredit) vollendet die Kapitalbildung. (jz3)

 

 

10.          "Kreditausweitung" ist überflüssig und gefährlich; es genügt, denjenigen Kreditspielraum wieder herzustellen, der vor der mit Deflation verbundenen Rationalisierung be-

 

XIV

 

standen hatte; schon dann ist die Absatzstockung beseitigt und der ins Stocken geratene Konsumgüterstrom seinem Ziel wieder zugeleitet, nämlich dem Konsum der eben wieder eingestellten Arbeiter.

 

            11. Diese Vollendung der Kapitalbildung mittels kurzfristiger Baukapitalvorschüsse bewirkt zwangsläufig, daß die echten Spardepositen bei den Banken und Sparkassen in wenigen Wochen um den vollen Betrag der Vorschüsse steigen. Und zwar steigt die effektive Kapitalbildung nicht bei den Lohn- und Gehaltsempfängern, sondern in den Betrieben, d. h. auf den Bankkonten der geschäftlichen Unternehmungen.  Es bleiben nämlich die Verkaufserlöse unverändert, während die Abhebungen von Lohn-Geldern bei den Banken sinken, so daß die Guthaben steigen.

 

             12. So suchen wenige Wochen oder Monate nach Beginn der Bauarbeiten zwangsläufig gerade soviel  zusätzliche Kapitalien (genauer Kapitaldisposition im Gegensatz zu den realen Gebrauchsgütern) Anlage, wie nötig sind, um die Bankvorschüsse in Hypotheken, Anleihen, Aktien usw. zu konvertieren.   Die Banken  erhalten damit ihre Vorschüsse zurück und werden für neue Aktivität frei.

 

             13. Die Technik dieser die Kapitalbildung effektivierenden Vorschüsse ist aus dem deutschen "antizipierten Emissionskredit" zu entwickeln.

 

             14. Voraussetzungen einer Anwendung dieser Methode in großem Stile sind: Die Senkung des Zinsniveaus, die durchführbar ist, und eine Umgestaltung des Großbank­geschäfts in Richtung auf die vor dem Kriege übliche und bewährte Tätigkeit dieser Institute.

 

             15. Man kann also in Zukunft die angebliche Unlösbarkeit des Problems  der Arbeitslosigkeit nicht mehr mit Kapitalmangel begründen: Ein solcher besteht höchstens in dem Sinne, daß man versäumt, die vorhandene latente Kapitalbildung effektiv zu machen. Es ist Sache eines Programms und des guten Willens, das Versäumte nachzuholen und damit die Arbeitslosigkeit zu beseitigen.  Die Arbeitslosigkeit ist kein rätselhafter Schlag des Schicksals, sondern eine Störungserscheinung, die sich beheben läßt.

 

(J.Z.: Hat die Österreichische Schule der Volkswirtschaft zu dieser Theorie schon irgendwo Stellung genommen? Da sie so viel Wert auf die Kapitalbildung legt und jetzt schon weit verbreitet ist, wäre es eigentlich an der Zeit, 75 Jahre später, eine solche Stellungnahme endlich anzubieten. - J.Z., 4,7.05.)

____________________

 

 

 

 

 

 

 


 

Einleitung.

 

Die Arbeitslosigkeit.

1. Geschichte der Arbeitslosigkeit.

 

a) Im klassischen Altertum konnte von Arbeitslosigkeit als Massenerscheinung in unserm heutigen Sinne noch keine Rede sein. Die Handarbeit wurde im wesentlichen den Sklaven über­lassen, die als Sachen galten und von ihren Eigentümern unter­halten wurden. Hätte Mangel an Beschäftigungsmöglichkeit be­standen, so hätte sich das in einem starken Angebot an Sklaven ausdrücken müssen. Wir hören aber von derartigen Krisen nichts. Daß die damalige Wirtschaftsordnung, in der manuelle Arbeit noch als verächtlich galt, fast immer ausreichend Arbeitsgelegenheit bot, ist in dem rein agrarisch-regionalen Charakter des damaligen Systems begründet. Die Verhältnisse waren leicht zu übersehen, und die Schwierigkeiten, die unser weltwirtschaftlich-industrielles Zeitalter gebracht hat, waren noch unbekannt

Nur einige geschichtliche Vorgänge der damaligen Zeit lassen sich unter dem Gesichtspunkte der Arbeitslosigkeit betrachten 1). Vielleicht ist z. B. der starke Drang nach kolonialer Expansion in Griechenland und Rom zum Teil aus Übervölkerung und Arbeits­losigkeit zu erklären. Auch die großartigen öffentlichen Arbeiten sollten nicht nur der Repräsentation dienen, sondern auch Arbeit und Brot für die Massen geben. Perikles, der derartige öffentliche Bauprojekte größten Umfanges in Athen durchführte, sprach selbst die Absicht aus, alle Schichten der Bevölkerung dadurch zu er­nähren und zufriedenzustellen. Auch die Politik der öffentlichen Spenden kann als Maßregel zur Milderung der Folgen von Arbeits­losigkeit betrachtet werden. In Athen soll im 5. Jahrhundert schon mehr als die Hälfte der Bevölkerung von den Almosen des Staates gelebt haben. In Rom bildete sich ein eigentliches "Proletariat" im I. Jahrhundert v. Chr. aus den landlosen Leuten, die sich in der Hauptstadt ansammelten und vergebens nach Arbeit sich umsahen. Das mit dem Latifundiensystem verbundene Bauernlegen nahm immer größeren Umfang an; die Regierungen sahen sich daher

_______________________________

1)      Ich schließe mich hier eng an K. Kumpmann, Art. "Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenversicherung" im Hwb. d. St. (4), S. 791, an.

 

     2   

vor die Notwendigkeit gestellt, die bedrohlich anwachsenden Scharen von mittellosen, aber politisch gleich-berechtigten Leuten bei guter Stimmung zu erhalten. Daher wurden seit der Zeit des jüngeren Gracchus (lex frumentaria) auch hier Getreidespenden verteilt, die als eine Art von Erwerbslosenunterstützung angesehen werden können. Cäsar versuchte vergebens diese Spenden in eine ge­ordnete Armenpflege umzuwandeln; vielmehr wurde diese unent­geltliche Versorgung der 6. Steuerklasse immer umfangreicher und planloser. In der Kaiserzeit waren es bis 400 000 Menschen, deren Nahrung und Notdurft der Staat zu decken hatte.

 

            b) Auch im Mittelalter gab es das Problem der Arbeitslosigkeit noch nicht. Die Verhältnisse waren  einfach, klein  und übersichtlich; die Dorfwirtschaft mit ihrem  agrarischen Charakter beherrschte den über-wiegenden Teil der Bevölkerung. Bis zum Ende des 1. Jahrtausends waren die sozialen Verhältnisse durch das Lehnswesen in eine strenge traditionelle Ordnung gefügt, die von unten nach oben hin jeden band, anderseits von oben nach unten jeden beschützte. Die Stände waren erblich.

An dieser Lage änderte sich vom 11. bis zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wenig. In Europa war Deutschland das wirt­schaftlich führende Land. Die bis 1410 siegreich vordringende Kolonisation des deutschen Ostens schuf von Zeit zu Zeit Arbeits­gelegenheit größten Umfanges. Die Lage der Bauern war bis ins 15. Jahrhundert fast überall erfreulich. Gleichzeitig erlebte das Handwerk und mit ihm die deutsche Stadt ihre Blütezeit.

 

            c) Erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts änderten sich die Verhältnisse allgemein zum Schlechten, zuerst in  England und Frankreich, dann in Deutschland. Die Abhängigkeit der Bauern von den adligen Grundbesitzern begann ihre schlimme Seite hervorzukehren. In England setzte um die Mitte des 15. Jahrhunderts jene von Thomas Morus so anschaulich beschriebene Verdrängung der Bauern durch die Schafzucht ein.  Die Vergrößerung der Weide­wirtschaft im Interesse der Wollproduktion kostete bis zur  Zeit Heinrichs VIII. etwa 50 000 Bauern die Existenz, die nun Zuflucht im Heere und in der Stadt suchten. Die immer weiter zunehmende Einhegung des Gemeindelandes durch den Adel entvölkerte mehr und mehr das flache Land, indem der gesunde bäuerliche Mittel­stand dadurch ruiniert und vertrieben wurde. Das gutsherrlichbäuerliche Abhängigkeitsverhältnis verschärfte sich insbesondere in Frankreich, und Deutschland in unerträglicher Weise. Seit dem dreißigjährigen Kriege war die Lage des Bauernstandes in Deutsch-

 

   3  

land unhaltbar geworden. Nachdem schon vorher die Aufstands­versuche, die Bauernkriege, im Blute der Bauern erstickt worden waren, zogen immer größere Massen freiwillig abgewanderter oder verjagter Bauern zur Stadt und bildeten da mit fahrenden Leuten, entgleisten Studenten und arbeitslosen Handwerksburschen ein neues städtisches Proletariat.

 

Auch die Zünfte waren in dieser Zeit nicht mehr in der Lage, wie Versicherungskassen zu wirken. In der Blütezeit der Zünfte hatte die festgefügte zünftliche Verfassung allen Mitgliedern eine dauernde Existenz gesichert; notleidende Meister, Gesellen und Lehr­linge waren ausreichend unterstützt worden, ein gewisser fester Ab­satz und Verdienst war jedermann garantiert. Der Niedergang dieser zünftlerischen Wirtschafts-Verfassung ist dadurch gekennzeichnet, daß sich die Zahl derer, die in diesen Institutionen kein Unterkommen gefunden hatten, von der Mitte des 16. Jahrhunderts an rasch ver­mehrte. Diese schutzlos dastehenden Massen, die sich teils aus dem entwurzelten Bauerntum, teils aus arbeitslosen Gesellen zusammen­setzten, waren in sehr schlimmer Lage 1). Ihnen war in der Regel schon von Gesetzes wegen jede Möglichkeit genommen, sich ge­werblich zu betätigen; es blieb ihnen daher nur das Vagabundentum und die Bettelei mit ihren hohen polizeilichen Strafen übrig. So vermochten unternehmungslustige Führer im 30jährigen Kriege Heere von Zehntausenden "aus dem Boden zu stampfen", wenn sie nach Wallensteins Prinzip "der Krieg ernährt den Krieg" nur Beute und Nahrung versprachen. Auch im Frieden bildeten die Massen von Arbeitslosen, die als Bettler, Landstreicher und Diebe herumzogen, eine Landplage, der gegenüber alle Repressalien — Prügelstrafe, Gefängnis, Stäupen, Aufhängen — sich als wirkungslos erwiesen.

 

            Die spätmittelalterliche Arbeitslosigkeit hat einen dichterisch edlen Ausdruck gefunden in einigen der von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen, z. B. den "Bremer Stadtmusikanten" und "Sechse kommen durch die ganze Welt". Meist sind es entlassene Soldaten, die sich nach langen treuen Diensten plötzlich dem Nichts gegenübersehen, und altgewordene Arbeiter (das alte Pferd, der alte Esel, Jagdhund usw.), die ihr Herr nicht mehr gebrauchen kann. Sie rotten sich voll Zorn zusammen, verbünden sich gegen die­jenigen, die sie ausgestoßen haben, und versuchen sich, gemeinsam weiterzuhelfen; Die dichterische Lösung; die Grimm in diesen

_______________________________

1) Vgl. Petrenz, Die Arbeitslosigkeit, ihre statistische Erfassung und. ihre Be­kämpfung.   Leipzig 1911.

 

- 4 -

 

Märchen bietet, ist, daß das reine Denken, eine gute Idee, die einem unter ihnen einfällt, plötzlich das über sie gebreitete Netz des Elends zerreißt und ihnen einen Weg zum Glück zeigt.

Vollends zerstört wurde das Zunftwesen durch das Aufkommen der Manufakturen und der Kraftmaschinen (Wattsche Dampfmaschine). Dadurch wurden die Preise vieler Waren derartig gedrückt, daß nicht nur die außerhalb der Zünfte stehenden Massen, sondern die noch von ihnen beschäftigten Bevölkerungsteile um ihren Verdienst kamen. Die Unfähigkeit der zünftlerischen Gesellschaft und ihrer Führer, ihren Mitgliedern Arbeit und Brot zu verschaffen, sollte die mittelalterliche Welt vernichten, so wie sie die klassischen Ge­meinwesen zerstört hatte. Sie hatte im wesentlichen darin ihre Ur­sache, daß die Zahl der Gesellen, die jeder Meister beschäftigen durfte, in den Zunftordnungen festgelegt war (Lassalle), so daß der über diese Zahl hinausgehende Teil der Bevölkerung auch als Konsument ausfiel, indem keine weitere Erwerbsmöglichkeit bestand. (jz4)

Ein weiterer Grund waren die behördlichen und zünftlerischen Preis­festsetzungen, die alle Preissenkungen, daher jede Erweiterung des Absatzes verboten und dadurch die Einstellung neuer Arbeiter auch unlohnend machten. Die neue Zeit, d. h. die Abschaffung der Zünfte und die allmähliche Einführung der Gewerbefreiheit, kam dann, weil die Überzeugung allgemein geworden war, daß die zünftlerische Verfassung den Aufgaben der Zeit nicht mehr gewachsen war, daß sie vielmehr das herrschende Elend nur verschlimmern konnte.

d) Die darauffolgende merkantilistische Übergangsperiode mit ihrer Armengesetzgebung 1) wurde abgelöst durch den wirtschaft­lichen Liberalismus, der die staatliche Bevormundung durch den Grundsatz unumschränkter (? J.Z.) Selbstbestimmung ersetzte. Vom (jz5) freien Wettbewerb erwartete man damals nicht nur die Belebung aller wirtschaftlichen Kräfte, sondern auch die Beseitigung der Arbeits­losigkeit. Wenn erst die Schranken des Zunft- und Konzessions­systems gefallen wären, würde jeder tätige Bürger, so glaubte man, auch den ihm gebührenden Platz finden.

Diese Erwartungen sind enttäuscht worden. "In krassem Widerspruch" sagt K. Kumpmann 2), "zu den Hoffnungen der

_______________________________

1)             Der Ertrag der Armensteuer, die zur Bezahlung der Wohlfahrtslasten er­hoben wurde, stieg von 1785 - 1813 in England von 2 004 238 £ auf 8 640 842 £. Da die Gesamtbevölkerung nur 9 Mill. Personen betrug, von denen ein großer Teil zu den Armen rechnete, war die Steuerbelastung infolge der Armengesetze außerordentlich drückend; der wirtschaftliche Erfolg der Armengesetze war, da nichts produziert wurde, minimal, und der demoralisierende Einfluß blieb bestehen. Vgl. Rogers, Geschichte der englischen Arbeit, S. 322.

2)             Hwb.d.St,S.792.

 

-  5  -

 

liberalen Theoretiker standen die Tatsachen des 19. und 20. Jahr­hunderts. Es erwies sich, daß gerade das Zeitalter des Liberalismus und des Kapitalismus zugleich das Zeitalter der Arbeitslosigkeit, und zwar einer ungeheuren unverschuldeten Arbeitslosigkeit des Proletariats werden sollte". (jz6)

 

 

 

 

2. Umfang, Gliederung und Entwicklung der Arbeitslosigkeit

in der neuesten Zeit

 

            Die Zahl der Arbeitslosen schwankt so stark, daß man sie vorzüg­lich zum Gradmesser der Konjunkturen gemacht hat 1). Sie ist zeitlich und räumlich, branchenmäßig und persönlich den stärksten Veränderun­gen unterworfen. Sie tritt nicht nur in der Form voller Beschäftigungslosigkeit, sondern auch in der milderen Form der Kurzarbeit auf.

            Über die Schwankungen der Arbeitslosigkeit inner­halb der einzelnen Berufe gibt folgende Tabelle Aufschluß 2):

 

            Die Beschäftigungslosen im Vergleich zur Gesamtzahl der Arbeiter nach Berufsgruppen

____________________________________________________________________________________________

 

Berufsgruppen der Berufsabteilungen A – C   Arbeitnehmer      Von diesen waren in Proz. beschäftigungslos

(Landwirtschaft, Industrie und Handel)                   am                                  am                  am

                                                                        14. VI. 1895                    14. VI. 1895            2. XII. 1895

_________________________________________________________________________________________

 

I.          Landwirtschaft usw.                              5 607 213                                0,66                 3,62

II.         Forstwirtschaft und Fischerei                    116 713                                1,19                 4,76

III.       Bergbau, Hüttenwesen usw.                     564 922                                1,47                 2,03

IV.       Industrie der Steine und Erden                 468 489                                1 ,47                5,76

V.        Metallverarbeitung.                                  719 775                                2,89                 3,75

VI.       Maschinen, Werkzeuge usw.                    304 463                                2,57                 3,44

VII.      Chemische Industrie                                   92 582                                1,94                 2,29

VIII.     Forstwirtschaftl. Nebenprodukte usw.     38 116                                   2,09                 2,74

IX.       Textilindustrie                                         878 494                                1,64                 1,92

X.        Papier                                                    121 256                                2,60                 2,86

XI.       Leder                                                     123 914                                3,46                 6,04

XII.      Holz und Schnitzstoffe                              456 229                                2,93                 4,00

XIII.     Nahrungs- und Genußmittel                     650 970                                3,27                 4,35

XIV.    Bekleidung und Reinigung                        775 671                                3,13                 5,42

XV.      Baugewerbe                                         1 151 851                                2,87                 15,61

XVI.    Polygraphisches Gewerbe                        106 626                                4,18                 4,38

XVII.   Künstler u. künstlerische Betriebe               18 756                                3,59                 5,51

XVIII.  Fabrikarbeiter, Gesellen ohne nähere

Bezeichnung                                              28 542                               4,96                 35,66

XIX.    Handelsgewerbe                                      626 637                                3,52                 4,24

XX.      Versicherungsgewerbe                               18 216                                1,50                 1,73

XXI.    Verkehrsgewerbe                                   533 150                                1,30                 3,04

XXII.   Beherbergung und Erquickung                  316 951                                2,54                 4,92

 

13 725 825                              1,77                 4,80

 

_______________________________

1.)    z.B. Pigou in seinem Werk "Industrial Fluctuations".

2.)    Hwb. d. St. S. 799.

 

    6   

 

Wie groß die Schwankungen sogar innerhalb der einen Gruppe "Holzarbeiter" sind, zeigt die nachstehende Spezifikation aus den Jahren 1926/28 1):

 

Es waren arbeitslos                   1926                1927                1928

       bei den:                                 %                    %                    %

Bürstenmachern                        24,1                 9,8                   10,3

Drechslern                                27,3                 15,3                 14,5

Stockarbeitern                          21,6                 11,7                 22.1

Knopfmachern                         45,6                 21,4                 27,8

Kammachern                            51,2                 35,8                 24,5

Korbmachern                           27,0                 14,2                 13,6

Klaviermachern                        17,8                   7,3                   7,6

Stellmachern .                           36,0                 19,7                 15,3

 

Tischlern                                   27,0                 11,6                 11,1

Stuhlbauern.                             25,2                   4,9                   3,3

Polierern                                   28,3                   8,6                   7,6

Bildhauern                                40,1                 25,1                 24,2

Schiffstischlern                          29,3                 13,3                 11,2

Modelltischlern                         18,9                   7,0                   7,3

Vergoldern                               19,8                 11,9                 10,7

Maschinenarbeitern                   24,7                 10,7                   9,5

Pantinenmachern.                        9,5                   2,2                  4,8

Kistenmachern                          22,0                   8,3                   6,9

 

 

 

Ebenso bedeutend sind die zeitlichen Veränderungen der Arbeitslosigkeit 2):

 

Arbeitslosigkeit unter den Mitgliedern der Gewerkschaften in den Jahren 1924-1929

 

Jahr      Jan       Feb.     Mar      April     Mai      Juni      Juli       Aug      Sept.    Okt.     Nov.    Dez. 

In Prozenten

1. Alle Gewerkschaften

1924    26,5     25,1     16,6     10,4     8,6       10,5     12,5     12,4     10,5     8,4       7,3       8,1

1925    8,1       7,3       5,8       4,3       3,6       3,5       3,7       4,3       4,5       5,8       10,7     19,4

1926    22,6     22,1     21,6     18,7     18,3     18,3     17,9     17,0     15,6     14,5     14,5     17,2

1927    16,9     15,9     11,8     9,0       7,1       6,4       5,6       5,1       4,7       4,6       7,6       12,9

1928    11,4     10,5     9,3       6,9       6,3       6,2       6,3       6,5       6,6       7,3       9,4       16,7

1929    19,4     22,3     16,8     11,1     9,1       8,6       8,6       9,0       9,6       11,0     -,-        -,-

                                                                                                                                               

2. Konjunkturgruppe

1924    19,5     18,8     13,1     10,1     8,8       10,6     12,8     12,7     11,2     8,8       6,9       6,2

1925    6,0       5,4       4,7       4,3       3,7       3,5       3,7       4,2       4,5       5,7       8,2       14,7

1926    18,2     19,1     19,7     17,6     17,8     18,0     17,9     17,1     15,6     14,0     13,1     13,3

1927    12,4     11,7     10,0     8,5       7,3       6,7       6,o       5,4       4,8       4,3       4,7       6,2

1928    6,4       6,2       5,9       5,8       5,9       6,0       6,3       6,5       6,4       6,5.      7,3       9,5

1929    10,3     11,4     10,6     9,2       8,6       8,4       8,6       8,6       8,9       9,2       -,-        -,-

_______________________________

1)      Vgl. W. Woytinsky, Der deutsche Arbeitsmarkt, Ergebnisse der gewerkschaftlichen Arbeitslosenstatistik 1919-1929, Berlin  1930, S. 41.

2)      ebendort S. 51.

 

 

- 7 -

 

In Prozenten

3. Saisongruppe.

Jahr      Jan.      Feb.     März    April     Mai      Juni      Juli       Aug      Sept.    Okt.     Nov.    Dez.

1924    68,8     69,4     34,0     13,4       7,9       8,5       9,4     10,1       7,4       5,9       9,0     19,6

1925    21,1     18,7     12,0      5,0       3,1       2,8       3,3       4,7       4,7       6,8       5,4     42,8

1926    48,4     38,9     32,0     24,9     21,1     19,8     18,2     16,5     15,6     16,8     21,0     35,9

1927    39,4     37,3     20,8     11,9       6,4       4,9       3,9       3,7       3,9       5,5     20,6     44,0

1928    34,1     30,1     24,6     12,0       8,1       7,0       6,0       6,5       7,4     10,3     18,5     46,7

1929    58,4     68,1     43,4     19,2     11,0       9,2       8,9     10,4     12,8     17,7        -,-        -,-

 

 

 

            Über den Grad der Kurzarbeit gibt folgende Tabelle Aufschluß 1).

 

 

   Jahr               Von 100 Gewerk-          Durchschnittliche           Durchschnittlicher wöchentlicher

schaftsmitgliedern          Verkürzung der             Arbeitszeitausfall auf

                        standen in                     Arbeitswoche in            1 Gewerkschaftsmitglied

                        Kurzarbeit                     Stunden                        in Stunden         in %

   1926            

 

Januar              22,4                              17,0                              3,8                    7,9

Februar             21,4                              17,1                              3,7                    7,6

März                21,3                              17,1                              3,6                    7,6

April                 18,4                              17,0                              3,1                    6,5

Mai                  17,4                              16,8                              2,9                    6,1

Juni                  16,4                              16,5                              2,7                    5,6

Juli                   15,9                              16,3                              2,6                    5,4

August              14,4                              15,7                              2,3                    4,7

September        12,1                              15,1                              1,8                    3,8

Oktober              9,8                              14,2                              1,4                    2,9

November           8,1                              13,9                              1,1                    2,3

Dezember           7,1                              14,2                              1,0                    2,1

 

   1927

Januar                6,4                              13,5                              0,9                    1,8

Februar               5,7                              13,0                              0,7                    1,5

März                  4,3                              12,7                              0,5                    1,1

April                   3,6                              12,5                              0,5                    0,9

Mai                    2,8                              12,2                              0,3                    0,7

Juni                    2,6                              12,3                              0,3                    0,7

Juli                     2,6                              12,8                              0,3                    0,7

August                2,8                              12,0                              0,3                    0,7

September        2,4                               12,3                              0,3                    0,6

Oktober            2,6                               12,3                              0,2                    0,5

November          2,1                               12,3                              0,3                    0,5

Dezember          3,0                               13,8                              0,4                    0,9

 

   1928

Januar              3,5                               12,5                              0,4                    0,9

Februar             3,5                               12,3                              0,4                    0,9

März                3,6                               12,2                              0,4                    0,9

April                 4,1                               12,1                              0,5                    1,0

Mai                  4,8                               12,7                              0,6                    1,3

Juni                  5,6                               12,6                              0,7                    1,5

_______________________________

1)      ebendort S. 70-71.

 

- 8 -

 

Juli                   6,1                               12,6                              0,8                    1,6

August              6,6                               12,8                              0,9                    1,8

September        6,3                               12,3                              0,8                    1,6

Oktober            6,3                               12,0                              0,8                    1,6

November          7,1                               11,7                              0,8                    1,7

Dezember          7,0                               13,1                              0,9                    1,9

 

   1929

Januar              8,2                               12,0                              1,0                    2,1

Februar             8,5                               12,5                              1,1                    2,2

März                7,5                               13,1                              1,0                    2,0

April                 6,6                               12,6                              0,8                    1,7

Mai                  6,3                               13,4                              0,8                    1,8

Juni                  6,2                               12,8                              0,8                    1,7

Juli                   6,5                               13,4                              0,9                    1,8

August              6,7                               12,9                              0,9                    1,8

September        6,5                               13,1                              0,9                    1,8

Oktober            6,7                               12,8                              0,9                    1,8

 

 

 

            Die regionale Verschiedenheit der Arbeitslosigkeit inner­halb Deutschlands war gleichfalls sehr verschieden; von 100 Ge­werkschaftsmitgliedern in den einzelnen Bezirken waren im Jahres­durchschnitt 1928 arbeitslos 1):

Bezirke                         %

Ostpreußen..................... 18,5

Schlesien...................      11,3

Pommern.....................   16,0

Nordmark....................     7,6

Brandenburg................     7,9

Sachsen.......................     7,6

Mitteldeutschland.........     8,5

Hessen......................... 10,8

Bayern.........................    9,5

Niedersachsen..............    7,4

Westfalen........................ 6,8

Rheinland......................    8,3

Südwestdeutschland........ 5,9

                          Reich   8,6

Faßt man die Gesamtzahl aller Arbeitslosen ins Auge, so kann man schätzen, daß vor dem Kriege im Durchschnitt 2 - 3 % der gesamten Arbeiterschaft arbeitslos waren. Dieser Prozentsatz verteilte sich auf die einzelnen Jahre und Mo­nate, wenn man sich auf die Gewerkschaftsmitglieder beschränkt, wie folgt:

_______________________________

1)      ebendort S. 95.

    9    -

                                    Arbeitslose unter den Gewerkschaftsmitgliedern in v. H. 1).

Ende des Monats

Jahr      Jan.      Feb.     März    April     Mai      Juni      Juli       Aug.     Sept.    Okt.     Nov.    Dez /Im Durchschnitt

__________________________________________________________________________________________

1903                                                                                      3,2                                          2,3                                          2,6                          -

1904                            2,0                               2,1                               1,8                               2,4                   2,1

1905                                       1,6                                          1,5                                          1,4                                          1,8                          1,6

1906                            1,1                               1,2       0,8       0,7       1,0       1,1       1,1       1,6                   1,1

1907       1,7          1,6          1,3          1,3          1,4          1,4          1,4          1,4          1,4          1,6          1,7          2,7                          1,6

1908       2,9          2,7          2,5          2,8          2,8          2,9          2,7          2,7          2,7          2,9          3,2          4,4                          2,9

1909    4,2       4,1       3,5       2,9       2,8       2,8       2,5       2,3       2,1       2,0       2,0       2,6                   2,8

1910    3,6       2,3       1,8       1,8       2,0       2,0       1,9       1,7       1,8       1,6       1,6       2,1                   1,9

1911    2,6       2,2       1,9       1,8       1,6       1,6       1,6       1,8       1,7       1,5       1,7       2,4                   1,9

1912    2,9       2,6       1,6       1,7       1,9       1,7       1,8       1,7       1,5       1,7       1,8       2,8                   2,0

1913    3,2       2,9       2,3       2,3       2,5       2,7       2,9       2,8       2,7       2,8       3,1       4,8                   2,9

1914    4,7       3,7       2,8       2,8       2,8       2,5       2,9       22,4     15,7     10,9     8,2       7,2                   -

 

Bei einer Gesamtzahl von 21 000 000 Personen waren das durchschnittlich 500 000 - 600 000 Arbeiter.

Bei Beginn des Weltkrieges, als alle Aufträge annulliert wurden und die Friedensproduktion in weitem Maße eingestellt werden mußte, stieg die Arbeitslosigkeit gewaltig. Legt man die Berichte der Gewerkschaften zugrunde, so war die Zahl der arbeitslosen Mitglieder im Juli 1914 2,8 %, im August 22,4 %, im September 15,7 % und im Oktober 10,9 %.

Die Einziehungen zum Heeresdienst und die Umstellung der Produktion auf den Kriegsbedarf machten nun ihre Wirkungen auf den Arbeitsmarkt geltend. Bald waren 4 Millionen Arbeiter unter den Waffen. Seit dem Winter 1916/17 (Hindenburgprogramm) trat Arbeitermangel größten Ausmaßes an die Stelle der Arbeitslosigkeit. Im Jahre 1917 entfielen auf je 100 offene Stellen nur 54 männliche und 97 weibliche Arbeitsgesuche (im Januar 1929 lauteten die entsprechenden Zahlen 767 und 337.).

Mit der Demobilmachung kehrten nicht nur etwa 8 Milli­onen Heeresangehörige, sondern auch etwa 1 Million Flüchtlinge nach den alten Arbeitsplätzen zurück. Überraschend schnell ge­lang es, für diese Massen Arbeit zu finden, worauf später noch einzugehen sein wird. Die Arbeitslosigkeit, die mit 1 100 000 Unter­stützten im Februar 1919 ihren Höhepunkt erreicht hatte, sank in­folge der Inflation von April an rasch. Ähnlich war die Entwick­lung in den andern Ländern. Während das Internationale Arbeitsamt in Genf die Gesamtzahl der Arbeitslosen in den 20 größten Ländern

_______________________________

1) ebendort S. 102.

     10    

für Ende 1910 auf 10 835 000 geschätzt hatten, betrug sie nach der Berechnung dieses Amtes

         1914   13 222 000 und

Ende 1919   32 680 000 Personen; in Europa allein

        1910    8 500 000 und

1919 mehr als

                 26 000 000 Menschen.

In derselben Zeit, die in Deutschland die Inflation und damit das Verschwinden der Arbeitslosigkeit brachte, trat in den meisten andern Hauptländern der Welt nach der kurzen inflationistischen Nachkriegsperiode schon im Jahre 1920/21 ein deflationistischer Rückschlag ein, der eine Arbeitskrise größten Ausmaßes brachte. Die Arbeitslosigkeit erreichte einen Höhepunkt, wie er noch nicht erreicht worden war, seitdem es eine Statistik der Arbeitslosig­keit gab. Im Januar 1921 betrug die Arbeitslosigkeit in Massa­chusetts (U.S.A.) 32 % 1), in Dänemark (Februar 1922) 29 %, Norwegen (Januar 1922) 23%, Holland (März 1922) 21 %, England (Juli 1921) 18 %, in Belgien (Januar 1921) 17 %, Canada (April 1921) 16 1/2 %, in Australien (Juli 1921) 12 1/2 %. Man hat be­rechnet, daß allein im Jahre 1921 nicht weniger als 10 Milliarden Goldfranken an Erwerbslosenunterstützung gezahlt worden sind 2). Nach einigen besseren Jahren erreichte die Arbeitslosigkeit der Welt im Winter 1929/30 wieder einen Höhepunkt, der sie an die Ziffern des Jahres 1920/21 heranführte. Im März 1930 gab es in Deutschland etwa 3,2 Millionen Erwerbslose, von denen unterstützt wurden.

von der  Reichsanstalt....................      2 400 000

"     "    Krisenfürsorge..................         160 000

"     "   Wohlfahrtspflege     ...........         200 000

 2 760000

 

 

Von 100 Gewerkschaftsmitgliedern waren arbeitslos

 

Monatsende

 

Januar

Februar

März

April

 

 

1923

 

4,2

5,2

5,6

7.0

 

   1924

 

 26,5

  25,1

  16,6

  10,4

 

  1925

 

   8,1

   7,3

   5,8

   4.3

 

  1926

 

22,6

22,1

 21,6

18,7

 

    1927

 

  16,9

  15,9     

  11,8

   9,0

 

   1928

 

   11,4   

   10,5

      9,3

      6,9

 

 1929

 

19,4

22,3

16,8

11,1

 

1930

 

22,2

23,7

21,9

20,5

 

In England betrug die Zahl der Arbeitslosen zur gleichen Zeit etwa 2 Millionen, in den Vereinigten Staaten war sie auf die noch nicht vorgekommene Zahl von 5 Millionen gestiegen 3) und auch in Japan überschritt sie 1Million. Allein in den Haupt-

_______________________________

1)      In den Vereinigten Staaten von Amerika zusammen über 4 500 000 Personen.

2)      Hwb. d. St., S. 802.    

3)      Nach der New York Times vom 29. Juni 1930 ist die Mindestzahl 6 600 000.

 

 

   11  

ländern Europas (ohne Rußland 1)) und in den Vereinigten Staaten waren im Frühjahr 1930 etwa 12 Millionen Menschen arbeitslos. Rechnet man die Zahl der Angehörigen mit, so kommt man auf etwa 30 Millionen Personen, die infolge von Arbeitslosigkeit ohne Einkommen waren, die also außerhalb des volks-wirtschaftlichen Tauschprozesses standen.

3. Schäden der Arbeitslosigkeit.

 

Allein von 1919—1929 soll die Gesamtsumme der ausgezahlten Erwerbslosenunterstützungen in der ganzen Welt über 25 Milliarden Goldfranken betragen haben. Der gleichzeitige Ausfall an Güter­erzeugung wird für Europa und dieselben Jahre auf 30 - 40, für die Erde sogar auf 100 Milliarden Goldfranken geschätzt; er war danach also mehr als doppelt so hoch, als der Barwert der Young-Annuitäten heute ist. Die seit 1922 weiter eingetretenen mate­riellen Verluste können  auch nicht annähernd berechnet werden.

Viel wichtiger noch sind die moralischen und politischen Schäden.

 

  "Die Arbeitslosigkeit ist die gefährlichste soziale Er­krankung des Volkskörpers, gefährlich vom Standpunkt der un­mittelbar betroffenen Arbeiter, der gesamten Arbeitnehmerschaft wie der Allgemeinheit. . . . Die Erfahrung zeigt nur zu häufig das folgende Bild: Der Arbeiter verliert seine Stelle, Ersparnisse fehlen oder sind schnell verzehrt, eine Zeitlang fristet die Arbeiterfamilie durch den Verkauf von entbehrlichem, dann von unentbehrlichem Hausrat, Möbeln, Kleidern die Existenz. Bleiben alle Bemühungen des Familienvaters, unterzukommen, ohne Ergebnis, dann folgt das krasse Elend, der Kampf ums Leben. Wirtschaftlich, körperlich     und seelisch sinkt die bisher ordentliche Familie mit reißender Schnelligkeit abwärts. Bald sind alle Dämme niedergerissen, jede Art von Verderbnis findet leichten Eingang 2)."

 

Das körperliche Elend und der seelische Druck, unter dem der Arbeitslose lebt, muß ihn zu Gefühlen des Hasses gegenüber der herrschenden Gesellschaftsordnung führen, welche diese auch sei. G. Adler hat daher an Hand der Geschichte nachgewiesen, daß fast alle Aufstände früher und jetzt mit den Massen der Er­werbslosen gemacht worden sind, die glauben, ein Recht auf alles

_______________________________

1.)    In  Rußland waren nach dem Soviet Union Year-Book 1929, S. 465, am 1. X. 1928 1 374 000 registrierte Arbeitslose vorhanden, bei einer Industriearbeiterschaft von 5 - 6 Mill., also etwa 25 %. Im Jahre 1930 war die Ziffer nach der Roten Fahne fast dieselbe.

2.)  K. Kumpmann, a. a. O. S. 803.

 

     12    

zu besitzen, da ihnen alles verweigert wird 1). Mit Recht sagt daher Lindner:

            "Vergebens ist das Ansinnen der Rechtsgesellschaft an den einzelnen Menschen, die       bestehenden Rechte zu respektieren, wenn sich dieser Einzelne innerhalb des bestehenden Rechtssystems wie ein Verlassener vorkommt, angewiesen auf die wenig trostvolle Aussicht, in diesem System zu verhungern 2)".

Es ist offenbar, daß auch in Deutschland die radikalen Parteien immer in den Jahren den größten Zulauf gehabt haben, in denen die größte Arbeits­losigkeit herrschte. Dazu kommt, daß die neueste Zeit eine Arbeits­losigkeit unter den Kopfarbeitern, den kaufmännischen und tech­nischen Angestellten und den leitenden Personen des Wirtschafts­lebens mit sich gebracht hat, wie sie früher nicht bekannt war. Nur sehr wenige dieser "am laufenden Band produzierten" 3) Intellek­tuellen werden das Erlebnis vorübergehender oder dauernder Arbeits­losigkeit zum Anlaß für ein Studium der Frage nehmen; die Mehr­zahl auch dieser wichtigen Schicht wird vielmehr dem Radikalismus anheimfallen.

Zu der Erscheinung der Arbeitslosigkeit selbst gesellt sich noch die alles überschattende Furcht vor Arbeitslosigkeit. Wenn in Deutschland allein 3/4 aller Verdiener binnen Tagen oder wenigen Wochen gekündigt werden können 4), wenn sie also täglich den Abgrund vor sich sehen, so muß das auf ihre Nerven, auf ihre Fähigkeit zu ruhigem Denken, zu tieferer geistiger Tätigkeit und zu Lebensgenuß einen zerstörenden Einfluß haben. Familie und Kinder bringen lebens-lange Verpflichtungen für den Ernährer mit sich, denen nicht etwa gleichwerte, lebenslange Ansprüche gegenüberstehen, sondern Rechte, die durch eine 1000 oder 10 000 km entfernt vollzogene Fusion oder das Stirnrunzeln eines Abteilungs­leiters fast sofort beendet werden können. Diese Unsicherheit der wirtschaftlichen Existenz würde unschädlich sein, wenn stets Gewiß­heit bestände, für die verlorene eine neue Stelle zu bekommen. Der absolute Mangel an Arbeitsgelegenheit verhindert das aber.  So ist

_______________________________

1.)          Herkner sagt in seiner "Arbeiterfrage": "Man kann nicht  erwarten, daß unsere Arbeiter mit der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung einen  aufrichtigen Frieden schließen, solange sie ihnen keine ausreichende Schutzwehr gegen den Abgrund der Arbeitslosigkeit errichtet".

2.)          Zitiert bei C. Buschmann, a. a. O. S.  I.

3.)  Ausdruck von Hans Zehrer in der neuen "Tat".

4.)    Selbst nach dem H. G. B. in nur 6 Wochen. Dabei stellt die Fassung des Gesetzes und die Rechtsprechung  selbst allen Versuchen wohlmeinender Unternehmer, wenigstens mit einzelnen Arbeitnehmern eine langfristige oder lebenslängliche Anstellung zu vereinbaren, fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen.

 

   13   

die Arbeitslosigkeit auch die tiefere Ursache eines großen Teils der politischen, sozialen und kulturellen Unrast, die das heutige Leben nachteilig beeinflußt

 

4. Der Absatzmangel und sein Verhältnis zur Arbeitslosigkeit

 

Wenn ein Arbeiter oder Angestellter sein Produkt, d. h. seine Arbeit, nicht verwerten oder verkaufen kann, so nennen wir ihn arbeitslos; ist der Unternehmer in dieser Lage, so sprechen wir von Absatzmangel. Beide Erscheinungen sind einander überaus ähnlich, beide treten auch zumeist gleichzeitig auf. Wie der Arbeiter mehr oder weniger passiv warten muß, bis ein Arbeitgeber erscheint, der ihn anzustellen bereit ist, ebenso muß der Unternehmer auf die Aufträge warten, mit denen er allein seine Fabrik in Gang halten und seine Läger verkaufen kann. Der Laie glaubt häufig, für die Schaffung von Volksreichtum wäre die Produktion immer größerer Gütermassen in erster Linie erforderlich; zu dem Zwecke sei Steige­rung der Produktion durch technische Höchstleistungen, Serien­fertigung usw. der beste Weg. Die Schwierigkeit, die so produ­zierten Warenmengen in die Hand des Verbrauchers zu bringen, wird von den Vertretern dieser mehr technischen Wirtschafts­auffassung unterschätzt. Das Absatzproblem ist heute so wichtig geworden, daß das Produktionsproblem vergleichsweise in den Hintergrund tritt: Fast sämtliche Fabriken und Industrien des Landes könnten mühelos 30 - 50 % mehr produzieren, da ihre Produktionskapazität nur zu 50 - 70 % ausgenutzt ist, wenn nur genügender Absatz vorhanden wäre. Der Kenner des Wirtschafts­lebens weiß, daß Produzieren sozusagen "eine Kleinigkeit" ist, wenn nur das Problem des Absatzes dieser großen Gütermassen lösbar wäre. Tatsächlich bemühen sich aber soviele Menschen um die Steigerung des Absatzes, daß die Kosten der Waren beim Kon­sumenten wohl zu mehr als ein Drittel aus Verkaufspesen bestehen. Die Inseratenteile der Presse sind angefüllt von Warenangeboten, von dem Schrei nach Angestellten, die fähig sind, den Absatz zu vergrößern ("Verkaufskanonen"); die Zeit der Leiter aller großen Unternehmungen ist zum größten Teile mit Bemühungen um Ab­satz ausgefüllt Überall rufen riesige Läger, die zu verderben oder zu veralten drohen, nach Absatz: Der Absatzmangel ist das beherrschende Problem der modernen Industrie ge­worden. Das ist um so überraschender, als gleichzeitig Millionen von Menschen ohne Arbeit und Einkommen sind, die eine voll

 

-   14   -

ausreichende Konsumkraft haben würden, um der Not der Fabri­kanten und Händler abzuhelfen. Je stärker der Absatzmangel an­steigt, um so mehr pflegt die Arbeitslosigkeit zu wachsen, und um­gekehrt. Die Entsprechung von Arbeitslosigkeit und Absatzmangel ist bisher viel zu wenig beachtet worden; sie aufzuklären und aus ihr die Lösung beider Probleme zu entwickeln, soll eine der Aufgaben dieser Abhandlung sein.

In zunehmendem Maße erregt die neue Problemstellung das Interesse der Wissen­schaft. So lesen wir bei Foster und Catchings1):

"Wir haben gesehen, daß die ökonomische Organisation der Gesellschaft innerhalb bestimmter Perioden ihren Hauptzweck, für Produktion und Distribution zu sorgen, nicht erreichen kann. Das war z. B. das Unglück der Vereinigten Staaten während der Depression von 1921. Machen wir uns ein Bild davon: Die Lagerhäuser waren überfüllt mit Baumwolle, Wolle, Leder, Holz, Kupfer, Chemikalien,— ein Reichtum, der die Träume früherer Generationen weit übertraf. Weit ausgedehnte Fabrik- und Maschinenanlagen von unvergleich­licher Kapazität, und dabei Millionen müßiger Hände, bereit zu arbeiten, hundert Millionen unserer Landsleute, bereit, diese un­zähligen Dinge zu genießen, die diese müßigen Menschen an jenen müßigen Maschinen mit Freude hergestellt haben würden, ja mit Leichtigkeit in dieser Zeit wissenschaftlicher Zauberei aus dem Roh­stoffüberfluß hätten herstellen können. Aber Monat um Monat dauerte die Depression; Rohstoffe, Maschinen, Geld, Menschen — alles im Überfluß, nur nicht die Möglichkeit, sie unmittelbar miteinander in produktive Beziehung zu bringen".

Mit derselben Klarheit er­kennt Prof. Julius Hirsch die heutige Lage:

"Es bleibt schon ein etwas merkwürdiger, sagen wir ruhig ein etwas sinnwidriger Zustand, daß wir nun im dritten Jahre in Deutschland einen ungeheuren ungedeckten Bedarf auf einem der wichtigsten Gebiete menschlichen Gebrauchs und Verbrauchs feststellen . . . Hier der ungeheure ungedeckte Bedarf, dort die Arbeitshände, deren Inhaber nichts sehnlicher wünschen, als diesen Bedarf zu befriedigen, und zwischen beiden ist merkwürdigerweise auch das Kapital da, manchmal so viel, daß es in Deutschland keine Anlage finden konnte, sondern sie zum mindesten als tägliches Geld im Auslande suchen mußte. Hier der ungeheure ungedeckte Bedarf, dort die freien Arbeitshände, zwischen beiden bildet sich danieder unerhörten Arbeitsamkeit des deutschen Volkes auch das Kapital wieder, das

_______________________________

1) Vgl Foster und Catchings," "Profits", Boston 1925, zitiert nach E. Altschul, Mag. d. W., 1930, S. 13.

 

   15  

 

den volkswirtschaftlichen Sinn und Beruf hat, die beiden zusammen­zuführen. Der ungedeckte Bedarf, die Beschäftigung suchenden Arbeitshände, das Kapital, alle drei sind da, sie kommen bloß nicht zusammen. Also muß doch etwas nicht richtig sein im Staate Deutsches Reich" 1).

           

            Wir glauben daher nicht zuviel zu sagen, wenn wir die Frage der Arbeitslosigkeit und des Absatzmangels die wichtigsten Pro­bleme der nächsten Jahrzehnte nennen, von deren Lösung die Antwort auf die Frage: "Aufstieg oder Niedergang"? abhängt. Wenn es heute auch nur möglich ist, die Grundlinien der Lösung aufzuzeigen, so darf dieses Mißverhältnis zwischen Aufgabe und Leistung nicht zum Schweigen verleiten. Es muß gelingen, zwischen den überflüssigen Vorräten, die die Existenz von Hunderttausenden von Unternehmern zu ruinieren drohen, und den Arbeitslosen dieselbe Verbindung herzustellen, die zwischen den in Arbeit befindlichen Arbeitern und den Lägern schon längst besteht. Es muß versucht werden, die Arbeitslosen in den Konsum wieder einzuschalten, da­mit die Läger geräumt und dadurch neue Arbeitsgelegenheit zu ihrer Wiederauffüllung geschaffen werden kann.

Vor einer solchen Untersuchung ist der vielfältige Begriff der Arbeitslosigkeit in seine Hauptarten zu zerlegen. Hieraus können sich Anhaltspunkte für die Gründe  der Arbeitslosigkeit ergeben.

 

5. Arten der Arbeitslosigkeit.

 

Wir können mit K. Kumpmann folgende Arten der Arbeits­losigkeit unterscheiden 2):

            A. Subjektive Arbeitslosigkeit.

                        I. Infolge von Unfähigkeit des Arbeiters:

                                    1. Aus körperlichen Gründen >)

                                    2. Aus geistigen Gründen         >)> absolute oder relative Unfähigkeit

                                    3. Aus sittlichen Gründen          >)

 

                        II. Infolge von Unwilligkeit des Arbeiters:

                                    1. Allgemeine Arbeitsscheu

                                    2. bei den vorhandenen Arbeitsbedingungen

                                                a) freiwilliger Austritt (oder verschuldete Entlassung)

                                                b) Streik und Aussperrung (soweit die Ursachen beim Arbeiter liegen).

            B. Objektive Arbeitslosigkeit:

                        I. Infolge von Unauffindbarkeit der vorhandenen Arbeits­gelegenheit (mangelhafter                                     Organisation des Arbeitsmarktes).

_______________________________

1.)    Vgl. den Bericht über den Handel in "Das Problem der gegenwärtigen Arbeitslosenkrise in Deutschland", Berlin, 1927, S. 71.

2.)    a.a.O. S. 793.

 

   16  

            II. Infolge von Arbeitsmangel:

                        1. Relativer Arbeitsmangel: der Unternehmer will keine Arbeit geben:

                                    a) aus persönlichen Gründen

                                    b) aus wirtschaftlichen Gründen.

                        2. Absoluter Arbeitsmangel: der Unternehmer kann keine Arbeit geben:

                                    a) unregelmäßig eintretender Arbeitsmangel (Konjunkturarbeitslosigkeit) hervorgerufen                             durch:

                                                α) elementare Ursachen

                                                β) gesellschaftlich-politische Ursachen

                                                γ) wirtschaftlich technische Ursachen

                                                δ) durch Umlaufsstörungen

                                    b) regelmäßig eintretender (periodischer) Arbeitsmangel:
                                                α) Modearbeitslosigkeit

                                                β) Saisonarbeitslosigkeit

                                                γ) Winterarbeitslosigkeit.

           

            Wir möchten noch hinzufügen:

                                    c) dauernd vorhandener Arbeitsmangel, hervorgerufen durch Kreditstörungen                                            (Dauerarbeitslosigkeit).

 

            Im folgenden werden wir uns nicht mit der subjektiven, sondern nur mit der objektiven Arbeitslosigkeit, insbe­sondere aber mit dem absoluten Arbeitsmangel befassen. Diese ist die "wahre Arbeitslosigkeit" (Lorenz von Stein): die Un­möglichkeit, Arbeit zu finden, obwohl der Arbeiter in jeder Weise geeignet und willens ist, zu arbeiten, obwohl eine ausgezeichnete Organisation des Arbeitsmarktes es möglich macht, den rechten Mann an den rechten Platz zu stellen, obwohl auch der einzelne Unternehmer seinerseits alles tun möchte, um Arbeitskräfte ein­zustellen. Hier handelt es sich also um die Unfähigkeit der Wirt­schaftsorganisation, den Arbeitern zu erlauben, sich in den Pro­duktions- und Konsumprozeß einzuschalten. Wenn die objektive Arbeitslosigkeit erst einmal beseitigt worden ist, so wird man die subjektive Arbeitslosigkeit leicht der Fürsorge und die periodische Arbeitslosigkeit den Ausgleichsmaßnahmen überlassen können. Ein eigentliches Arbeitslosenproblem wird dann nicht mehr bestehen; dieses besteht nicht in persönlichem Unglück und sachlichen Zu­fällen, die die Arbeitsleistung eines Menschen verhindern, ist viel­mehr eine Massenerscheinung, die auf eine Diskrepanz größten Aus­maßes zwischen Herstellung und Konsum hindeutet.

 

   17  

 

6. Definition und Wesen der objektiven Arbeitslosigkeit.

 

            Mit mehr oder weniger juristischen Definitionen wird man dem Begriff der Arbeitslosigkeit im volks-wirtschaftlichen Sinne nicht gerecht. Wenn z. B. Petrenz definiert: "Arbeitslos ist jeder arbeits­fähige Arbeitnehmer, der seine Stellung ohne Verschulden ver­loren und trotz Suchens nach Arbeit eine angemessene Beschäftigung noch nicht gefunden hat" 1), so sind damit keinerlei volkswirtschaft­lich faßbare Merkmale gegeben. Die eigentliche Definition wird sich aus dem Verlaufe der nachstehenden Untersuchungen heraus ergeben; sie wird an die Begriffe des volkswirtschaftlichen Güter­umsatzes und der Kapitalbildung anzuknüpfen haben.

 

            Wir können einmal davon ausgehen, daß die Menschen sich einander in ihrer Eigenschaft als Konsumenten Aufträge erteilen, die sie in ihrer Eigenschaft als Produzenten ausführen. Fällt eine Person als Konsument aus, so fällt sein Konsum, mithin seine Warenbestellung bei den Produzenten weg. Die Produktion muß eingeschränkt werden, es wird also ebenfalls eine Person in der Produktion überflüssig und arbeitslos. Diese Wurzel der Arbeits­losigkeit bezeichnen wir als Störungen im Güterumsatz und im Umsatzkredit, konkreter gesagt, als Störungen in dem Austausch zwischen den 32 Millionen wirtschaftlich tätigen Personen Deutsch­lands und den vielleicht 10 Millionen Zins- und Differentialrenten­empfängern untereinander.

 

            Eine ganz andere Wurzel der objektiven Arbeitslosigkeit ist in der Kapitalbildung zu finden. Diese bedeutet, wie wir sehen werden, nichts anderes, als das Freiwerden von Arbeitern in den vorhandenen Produktionen, insbesondere in der Konsumgüterindustrie, und ihre Überführung in andere Produktionen, insbesondere in die Industrie langlebiger Kapitalgüter. Sie ist in einer allgemeinen Reichtumssteigerung begründet. Diese äußert sich darin, daß die Volkswirtschaft in der Lage ist, ihre sämtlichen Glieder durch die Arbeit einer immer kleineren Anzahl von Arbeitskräften mit der täglichen Nahrung und Notdurft zu versorgen, so daß immer mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, um die heiß erstrebten lang­lebigen Güter, insbesondere Produktionsmittel, zu erzeugen. Wenn in dem bei dieser Kapitalbildung nötigen Übergange der Arbeiter von der einen zu einer andern Produktion sich Störungen zeigen, so  kann ebenfalls Arbeitslosigkeit  größten Umfanges eintreten.

_______________________________

1)      Dr. Otto Petrenz, a. a. O.,  1911, S. 7.
           

   18  

 

            Dieses ist die zweite volkswirtschaftliche Wurzel der objektiven Arbeitslosigkeit.

            Das volkswirtschaftliche Problem der Arbeitslosigkeit läßt sich, wenn man von diesen Grundstellungen ausgeht, noch in einer höheren Ebene betrachten, ganz ohne jede Rücksichtnahme auf das Einzelschicksal der Betroffenen und sogar der Betroffenen als Klasse. Wenn wir uns die gesamte deutsche Wirtschaft als eine einzige große Fabrik vorstellen, in der alle Einwohner arbeiten und von deren Ertrag sie leben, so ist Arbeitslosigkeit nichts anderes, als ein Beweis für eine geringe Ausnützung der Produktionskapazität dieser Fabrik. Wir wissen aber, daß die innerbetriebliche Kapitalbildung in stärkstem Maße abhängig ist von dem Grade der Ausnutzung der vorhandenen Fabrikations­anlagen; solange also die gesamtdeutsche Produktionskapazität nur zu 65 % ausgenutzt ist, wird die Kapitalbildung gering und die wirtschaftliche Lage Aller schlecht sein. Verwendet man dagegen die brachliegenden Kräfte der Millionen von Arbeitslosen, um mehr Güter zu produzieren, so muß die Gesamtheit reicher werden. Die erhöhten Ausgaben für Löhne brauchen dabei nicht veranschlagt zu werden, da ein Teil der Neueingestellten ja dazu benutzt werden kann, um das herzustellen, was sie brauchen. Eine solche Be­schäftigung der Erwerbslosen hat nun keineswegs nur die Wir­kung, daß Ertrag und Kosten in ± 0 aufgehen, sondern den Er­folg, daß die darniederliegende Produktionskapazität der Gesamtwirtschaft nunmehr ausgenutzt wird. Es wird also viel mehr als der Gegenwert der verausgabten Löhne an zusätzlicher Produktion zur Verteilung verfügbar, die Produktion erfolgt wirt­schaftlicher, da die "Efficiency" gestiegen ist, und die innerbetrieb­liche Kapitalbildung, die heute zu gering ist, steigt stärkstens. Eine starke Kapitalbildung ist daher nur durch Lösung des Arbeitslosenproblems erzielbar.

 

            Daher ist das Erwerbslosenproblem heute keineswegs das Problem eines fünften Standes, den man, ohne selbst wirtschaftlich geschädigt zu werden, dem Hungertode überlassen kann, wie Malthus und Ricardo empfahlen. Die wirtschaftlich führenden Schichten Deutschlands haben nun einmal eine für ihre Versorgung viel zu große Produktionskapazität hingestellt; sie haben jetzt nur die Wahl, diese Anlagen, die bei der heutigen geringen Aus­nutzung unrentabel sind, als wertlos abzuschreiben und damit ihr Vermögen wegzuwerfen, oder für volle Ausnutzung dieser Pro­duktionskapazität zu sorgen, die wieder ohne die Verwendung der

 

   19  

 

Erwerbslosen nicht zu leisten ist. Im Hintergrunde unserer Untersuchungen wird daher stets das volkswirtschaftliche Problem der Produktionskapazität stehen, das "Properitätsproblem".

           

            Wir können also, unseren späteren Erörterungen vorgreifend, definieren:

 

            "Arbeitslosigkeit ist eine Störung des volkswirtschaftlichen Güteraustausches oder der Kapitalbildung, durch welche Arbeiter in ihrer Eigenschaft als Produzenten derartig aus dem Güterprozeß ausgeschaltet werden, daß sie auch als Konsumenten wegfallen".

 

Im wirtschaftlichen Leben treten, wie die Geschichte zeigt, entweder die eine oder die andere der beiden Störungen ge­trennt auf, oder sie erscheinen vereint, wodurch ihre Merkmale vermischt und schwer trennbar werden. Stets ist die Kehrseite der Arbeitslosigkeit aber eine Verminderung der Ausnutzung des gesamten Produktionsapparates, die nachteilig auf den Wohlstand des ganzen Volkes und die Kapitalbildung der Unternehmungen wirkt.

 

__________


 

 

Erstes Kapitel.

 

Volkswirtschaftliche Grundbegriffe.

 

a) Produktionserlös und Einkommen.

 

            1. Die Produktion-Konsumgleichung. — Wenn Arbeits­losigkeit bedeutet, daß der Arbeiter objektiv außerstande ist, Ab­satz für seine persönliche Arbeitsleistung zu finden, so ist offenbar die Arbeitslosigkeit eine Art von Absatzmangel, wie er aus dem Warenverkehr bekannt ist. Der negative Begriff des Absatzmangels ist nur verständlich aus seinem positiven Korrelat heraus, nämlich dem Zustande des glatten Absatzes, der Deckung von Produktion und Konsum. Hierin könnte man eine Erörterung des "Soll-sein" sehen, die wissenschaftlich unzulässig sein soll, da man sich auf das "was ist" zu beschränken habe. Demgegenüber verweisen wir darauf, daß wir es hier nicht mit einem ethischen Soll-sein, sondern mit einer wirtschaftlichen Problemstellung zu tun haben, die nicht fragt, "was ist moralisch besser?", sondern "was ist wirtschaftlich billiger und zweckmäßiger?" 1). Es ist ebenso Aufgabe der an­gewandten Volkswirtschaftslehre, zu sagen, welche wirtschaftlichen Voraussetzungen und Relationen erfüllt sein müssen, damit sich der wirtschaftliche Kreislauf vollziehen kann, wie es etwa Aufgabe der angewandten Physik ist, die physikalische Bedingungen heraus­zuarbeiten, unter denen z. B. eine Dampfmaschine arbeiten kann.

 

            Die Inkongruenz von Produktion und Konsum kann nun in verschiedenem Sinne in Erscheinung treten. Wenn die Produktion größer ist, als der Konsum, so wird Absatzmangel vorherrschen. Man sollte meinen, daß das nur der Fall ist, wenn über den Bedarf der Bevölkerung hinaus produziert worden ist; die Erfahrung lehrt aber, daß solche Absatzstockungen zeitlich fast immer mit Perioden

_______________________________

1)      Vgl. Ad. Weber, Kampf zwischen Kapital und Arbeit, 1920, S. V: " . . Auch das halte ich aufrecht . . ., daß unter Umstanden das Sollsein im Rahmen des Wirt­schaftlichen nur eine andere Formulierung für das erkannte Sein ist. Wenn ich unter gegebenen Voraussetzungen zu dem Resultat komme, daß, soweit rein wirtschaftliche Erwägungen in Betracht kommen, das Wohnungsbedürfnis durch Mietskasernen billiger befriedigt wird, als durch Kleinhäuser, dann heißt das nichts anderes, als daß vom wirtschaftlichen Standpunkte aus Mietskasernen "besser" sind, daß deren Bau also gefördert werden "soll".

 

     21    

 

großer Armut bzw. Arbeitslosigkeit eines Teiles der Bevölkerung zusammenfallen. — Ist die Produktion kleiner, als der Konsum, so beobachten wir Warenmangel; wir müßten auch hier vermuten, daß ein solcher nur dadurch zu erklären ist, daß ein Teil der Be­völkerung nichts produziert, also arbeitslos ist. Aber die Erfahrungen der Kriegswirtschaft zeigen auch hier unerwarteterweise, daß Zeiten des Warenmangels zumeist mit Zeiten des Arbeitermangels zusammenfallen. — Es ist klar, daß beide Arten von Inkongruenz zwischen Produktion und Konsum vom Übel sind und daß die Organi­sation des Güteraustausches nach Möglichkeit so eingerichtet sein muß, daß die Gleichheit zwischen Produktion und Konsum gewähr­leistet ist. Wir haben es hier mit einem der wichtigsten Probleme der Wirtschaftslehre zu tun, das im Mittelpunkte jeder Untersuchung über Störungen im Güterkreislauf zu stehen hat.

 

            2. Begrenztheit der Produktionsmöglichkeiten, Unbegrenztheit der Konsummöglichkeiten. — Eine Ungleichung zwischen Produktion und Konsum kann nur darin begründet sein, daß zuviel oder zuwenig produziert oder zuviel bzw. zuwenig konsumiert worden ist. Wir haben also zuerst die Frage zu entscheiden, ob sich die Produktion nach dem Konsum zu richten hat, oder um­gekehrt. Wir hören häufig die Ansicht vertreten, der Konsum sei nur in engen Grenzen variabel; wenn heute eine Absatzstockung herrsche, so könne man un-möglich den Konsum steigern, um sie zu beseitigen, man müsse vielmehr die Produktion einschränken 1). Anderseits wird behauptet, die subjektiven Bedürfnisse der Menschen seien praktisch unbegrenzt; wenn es also gelinge, diese Bedürfnisse etwa durch Verteilung einer genügenden Menge von Zahlungsmitteln zu mobilisieren, so sei es ein Leichtes, alle Güter, die man nur heranschaffen könne, zum Konsum zu bringen 2). Die unbegrenzte Befriedigung der Bedürfnisse scheitere also nur an der Unzulänglichkeit der Produktion, die begrenzt sei, nie aber an der Unzulänglichkeit des Bedarfs. Sache einer richtigen Güterverteilung sei es, dafür zu sorgen, daß alles Produzierte glatt abgesetzt werde,

_______________________________

1.)    1) Cassel z. B. sagt in seiner Theor. Soz.  1918, § 8, S. 49:   ". . . Ein  voll­ständiger Absatz für die Produkte kann nur erwartet werden, wenn  die Produktion in vollständiger Übereinstimmung mit den Wünschen der Kaufkraft geleitet wird."  Das heißt also,  daß sich die Größe der Produktion nach der einmal vorhandenen Kaufkraft zu richten hat! Wir dagegen erklären umgekehrt, daß sich die Kaufkraft, die zur Verteilung kommt, nach dem Maße der jeweiligen Produktion zu richten hat, also z. B. um so viel gesteigert werden muß, wie technische Fortschritte die Erhöhung der Produktion zulassen.

2)      Vgl. z. B. Tarnow, a. a. O. und Garrett, a. a. O.

 

     22    

 

und Sache einer richtigen Wirtschaftspolitik sei es, die produktiven Kräfte einer Nation zu befreien und womöglich zu steigern.

 

            Wir schließen uns diesem letzteren Standpunkte an: Ohne Frage ist das Maß der verteilbaren Güter beschränkt, indem Arbeitskräfte und Kapitalien (Produktionsmittel) nur in ge­wissen Grenzen zur Verfügung stehen. Allerdings hat es das Zeit­alter der Technik vermocht, die Produktivität der Arbeit in vielen Fällen zu verhundertfachen und vertausendfachen; trotzdem sind Grenzen vorhanden in dem Sinne, daß bei einem gewissen Stande der Technik und der Wissenschaft beispielsweise eine Vergrößerung der gesamten Produktion der Welt auf das Dreifache, nicht aber auf das Sechsfache möglich ist

 

            Der latente Bedarf dagegen ist unbegrenzt; zum wenig­sten so lange läßt sich dagegen nichts sagen, als ein erheblicher Teil der Bevölkerung noch ohne Essen, ohne menschenwürdige Wohnung, ohne Badewanne usw. ist. Fraglos ist Überproduktion auf einzelnen Gebieten möglich, indem etwa zuviel Schuhe erzeugt worden sind; allgemeine Überproduktion in dem Sinne, jedoch, daß es auch bei richtiger Proportionierung der Produktion nicht möglich sein sollte, Menschen zu finden, die bereit sind, die Waren zu benutzen und zu verbrauchen, ist heute nicht vorstellbar.

 

            So steht also einer begrenzten aktuellen Produk­tion ein unbegrenzter latenter Bedarf gegenüber, und es ist "nur" nötig durch eine richtige Güterverteilung den latenten Bedarf stets soweit effektiv zu machen, daß die Läger abgesetzt und die Produktion unvermindert weitergeführt werden kann. Wenn dieses Ergebnis richtig ist, so müssen alle Theorien falsch sein, die zu dem entgegengesetzten Ergebnis (der Produktionseinschränkung) kommen, ebenso wie eine Mathematik falsch sein muß, die zu dem Ergebnis 2 x 2 = 5 kommt. Die gegenteilige Theorie, wonach die heute vorhandene Kaufkraft auf alle Zeiten dafür maßgebend sein soll, wieviel produziert werden darf, würde alle Anstrengungen der Technik und der Wissenschaft zum Fortschritt illusorisch machen. Alle Versuche, die Produktion zu vergrößern, würden dann an der starren Schranke einer eingebildeten fixen Kaufkraft scheitern. (jz7)

 

            3.  Die  Produktionserlös-Einkommensgleichung.  — Wie soll nun eine Güterverteilung organisiert sein, die jedes Waren­quantum, das nur immer produziert worden ist, glatt zu bewältigen imstande ist? Die kommunistischen Systeme einer mehr oder weniger zuchthausmäßigen Verteilung sollen hier außer Betracht

 

    23   

 

bleiben, um so mehr, als sie dort, wo sie verwirklicht worden sind, die Arbeitslosigkeit nicht haben bessern können 1). (jz8) Die Mängel des geldwirtschaftlichen Verteilungssystems, das wir fast in allen Ländern der Welt vorfinden, müßten erheblich größer sein, als sie zur Zeit sind, um mit den Mängeln dieser staatlichen Verteilung wetteifern zu können. Es bleibt der Weg, die Verteilung im Wege des volks­wirtschaftlichen Austausches, des Geldes und des Kredits zu be­werkstelligen.

            Jede solche Verteilung geht von dem überaus einfachen Prinzip aus, daß die Kosten und Gewinne, die bei der Her­stellung von Gütern auflaufen, identisch sind mit dem Ein­kommen, das zum Kauf der Güter zur Verfügung steht. Der Verkaufspreis der Produzenten ist gleich dem Einkaufspreis der Konsumenten. Der Verkaufspreis setzt sich aus Löhnen, Zinsen und Gewinnen zusammen. Diese werden vom Unternehmer aus­gezahlt und in den Taschen der Lohnempfänger, Zinsenempfänger und Gewinnerzieler zu Einkommen in gleichem Betrage. Der Preis, den die Einkommenbezieher also beim Einkauf von Gütern anlegen können und müssen, ist stets auf den Pfennig gleich dem Verkaufs­preise dieser Gegenstände.

            Ein Schuhfabrikant z. B, verauslagt täglich Unkosten, wie Porti, Spesen, Frachten, Steuern usw., er be­zahlt laufend Material- und Rohstoffrechnungen, wöchentlich Löhne und soziale Beiträge, endlich monatlich Gehälter, Mieten usw. Schließlich zahlt er an die Bank und seine Kommanditisten Zinsen und entnimmt der Kasse seinen Privatverbrauch und seine Gewinne. Alle diese Zahlungen, es mögen in einem Zeitabschnitt 1000 000 RM sein, sind für seine Firma Ausgaben, für die Empfänger aber Einnahmen und sogar Einkommen. Sobald der Fabrikant seine Schuhe verkauft hat, erhält er alle diese Auslagen (einschließlich eines Gewinnes) in Form des Verkaufserlöses wieder zurück­erstattet. Diese Rückerstattung ist darin begründet, daß die 1000 000 RM Ausgaben, die aufgelaufen waren, in den Händen der Empfänger zu 1000 000 RM Einkommen geworden waren, und daß dieses von Unternehmern verteilte Einkommen genau hinreicht, um ihm das gesamte Produkt abzukaufen 2). Volkswirtschaftlich betrachtet lösen sich alle diese Arten von Ausgaben letzten Endes

_______________________________

1)      Nach dem Soviet Union Year-Book betrug die industrielle Arbeitslosigkeit in Rußland in den  letzten Jahren ca. 1,3 - 1,4 Mill. Personen, d. h. etwa 20 - 25 %, da die Zahl der Industriearbeiter etwa 5 - 6 Millionen beträgt. (jz9)

2)      Tritt ein Händler dazwischen, der das Produkt verteuert, so steigt auch das Gesamteinkommen entsprechend, nämlich um seinen Profit. Dieses vergrößerte Gesamt­einkommen reicht wiederum aus, um das verteuerte Produkt zu kaufen.

 

   24  

 

in Lohn, Zins und Differentialrente auf; man kann daher sagen, daß die Unternehmerschaft als solche laufend gerade soviel Ein­kommen in Form von Lohn, Zins und Rente verteilt, wie zum Ab­satz der gesamten Produktion erforderlich ist.

 

            Um zu diesem Ergebnis zu kommen, muß man sich von den tauschwirtschaftlichen Begriffen der "Produktion" und des "Konsums" loslösen und sich der geldwirtschaftlichen Begriffe des "Pro­duktionserlöses" auf der einen Seite und des "Einkommens" auf der anderen Seite bedienen. In der Geldwirtschaft werden die Güter, die ja bei dem heutigen Stande der Arbeitsteilung für ihre Produzenten persönlich fast wertlos sind, nicht nur allgemein aus­getauscht, sondern beim Austausch zu einem bestimmten Preise verrechnet. Der Käufer hat diesen Preis in Geld zu bezahlen und der Verkäufer in Geld ihn zu erhalten. Wie die Preise zustande kommen, ist hier von geringer Bedeutung; entscheidend ist, daß der für die Produktion gezahlte Preis, der Produktionserlös, immer alle die Löhne, Zinsen und Gewinne enthält, die beim Hersteller 1) aufgelaufen sind, und daß derselbe Preis stets denjenigen Teil des Einkommens der gesamten Käuferschaft darstellt, der von diesem Unternehmer in Umlauf gesetzt worden war.

 

            Dabei spielt die Figur des Unternehmers eine wichtige Rolle: er ist es, der das Einkommen des Volkes auszahlt, indem er Löhne und Zinsen verausgabt und selbst Gewinne erzielt; und er ist es, der diese Einkommensarten stets genau in dem Betrage ver­teilt, der zum Rückkauf seiner gesamten Produktion durch diese Ein-kommensbezieher erforderlich ist. Seine Produktionskosten und Gewinne sind nie größer oder kleiner, als der Erlös aus dem Verkaufe seiner Fabrikate, ebenso wie die Sollseite seiner Bücher nie größer oder kleiner sein kann, als die Habenseite. Das, was "der Unternehmer" (als Klasse betrachtet) erlöst, ist immer das, was er kurz vorher als Lohn-, Zins- und Renteneinkommen in die Hände der Leute gebracht hatte. Produktionserlös ist gleich Einkommen. Diese wenig oder gar nicht beachtete Tautologie wird zum Eckstein der Theorie der Störungen des Güterumlaufs, insbesondere der Arbeitslosigkeit, zu benutzen sein 2). (jz10)

_______________________________

1)      oder Weiterverarbeiter, oder Händler usw.

2)      Schon J. B. Say (Traite, 1. Ausg., II, S. 175)  ist dieser Wahrheit nahe gewesen, hat aber daraus nur die voreilige Folgerung gezogen,  es könne Absatzstockungen nicht geben, da er die Störungsquellen (vgl. S. 31 ff.) nicht erkannte. Später haben sich besonders Ad. Wagner,  Herrmann,  Schumpeter, Wieser u. a. mit diesen Fragen beschäftigt; vgl. auch Philippovich, Grundriß I, 17. Aufl.,  S. 40: "Produktion und Konsumption sind die entscheidenden, das Leben der Volkswirtschaft gestaltenden Tatsachen. Der Zusammenhang zwischen dem volkswirtschaftlichen Pro­duktions- und Erwerbsprozeß wird dadurch zum wichtigsten Problem der Volkswirt­schaft" (S. 41). Vgl. auch die gesondert erscheinende dogmenkritische Abhandlung des Verf.

 

- 25 -

 

            4. Das Einkommen. — Ebenso, wie also der Produktionserlös sich aus den Aufwendungen für Löhne und Zinsen und den erzielten  Gewinnen 1) zusammensetzt, fließt das Einkommen aus drei verschiedenen Quellen, nämlich dem Lohn, dem Zins und der Differentialrente (dem Gewinn  am Preise), die wiederum mit den Bestandteilen  des Produktionserlöses  identisch sind. Dieses Ein­kommen tritt der Produktion  gegenüber und ist prinzipiell stets groß  genug, um  die  gesamte Produktion zu kaufen, wenn nicht eine der später zu erörternden Störungen auftritt. Dabei spielt die Höhe des Preisniveaus keine Rolle, denn je höher die Verkaufserlöse, desto größer ist die Masse des durch die Bezahlung der Produktionskosten in Umlauf gesetzten Einkommens.

 

            5. Der volkswirtschaftliche Einkommensbegriff.    Daß diese Produktionserlös-Einkommensgleichung bisher noch nicht auf­gestellt worden ist, ist anscheinend darauf zurückzuführen, daß der bisher in der Volkswirtschaftslehre und in der Finanzwissenschaft verwendete Einkommensbegriff nicht geeignet ist, der Produktion bzw. dem Produktionserlös gegenübergestellt zu werden.

 

            Der heute vorwiegend vertretene Schanzsche Einkommens­begriff ist umfassender, als der hier aus der Theorie der Arbeits­losigkeit und des Absatzmangels entwickelte Einkommensbegriff; daher hat er als steuerlicher Einkommensbegriff seit 1919 in allen Ländern den Sieg davongetragen, ist er doch scheinbar ge­eignet, dem Staat die höchsten Steuereinnahmen zuzuführen. Trotz­dem ist dieser auch von Gustaf Cassel u. a. vertretene Ein­kommensbegriff volkswirtschaftlich nicht brauchbar, da sich der Betrag des so bestimmten Einkommens nie mit dem Wert der Produktion, die zu Einkommen wird, in Übereinstimmung bringen läßt. Das hat seine Ursache darin, daß man z. B. den Vermögens­zuwachs, der aus einer Wertsteigerung vorhandenen Vermögens (etwa von Grundstücken oder Wertpapieren) resultiert, mit zum Einkommen rechnet 2). Man erhält dadurch ein viel zu großes Ein-

_______________________________

1)      Diese können positiv oder negativ sein.

2)      Vgl. Cassel, Theor. Soz.,  1918, § 8, S. 48:". . . der wichtige Satz, daß das Einkommen der Gesamtwirtschaft genau hinreicht, um den ganzen Realverbrauch und außerdem noch den Überschußwert des Realkapitals und des Grund und Bodens zu bezahlen", oder: "gleich dem Wert des Realverbrauches mit Zuschlag der Kapitalvermehrung (bzw. mit Abzug der Kapitalverminderung)" ist.

 

     26    

 

kommen, mit dem man die Produktion nicht einmal, sondern viel­leicht eineinhalbmal kaufen könnte. Der vor dem Kriege z. B. im preußischen Einkommensteuergesetz verwendete Einkommensbegriff 1) wies diesen Fehler nicht auf; er war an der Quellentheorie der klassischen Nationalökonomie orientiert, die der hier vertretenen Produktionserlös-Einkommensgleichung sehr nahe stand.

 

            Wenn der Vermögenszuwachs nicht zum Einkommen gehört, so sind anderseits auch Vermögensminderungen nicht abzugsfähig, insbesondere nicht die Abschreibungen. Diese sind nur rechnungsmäßige Posten, bedingen aber keine Verkleinerung der aktuellen Kaufkraft des Einkommensbeziehers in dem betreffenden Jahre, und auf diese allein kommt es an.

Es würde zuweit führen, an dieser Stelle auf den überaus wichtigen Einkommensbegriff näher einzu­gehen; mag der so entwickelte neue Einkommensbegriff für steuer­liche Zwecke geeignet sein oder nicht — entscheidend bleibt, daß ihm zufolge nur diejenigen Beträge echtes Einkommen sind, die in Form von Lohn, Zins und Gewinn von Unternehmern mit der Ab­sicht ausgeschüttet worden sind, sie aus dem Produktionserlös wieder zu-rückerstattet zu erhalten. Nur dieser Einkommensbegriff ermöglicht die Aufstellung unserer Produktionserlös-Einkommens­gleichung, nur er ist daher eine geeignete Grundlage zur Unter­suchung der Absatzstockungen.

 

            6. Das abgeleitete Einkommen. — Neben dem direkten Ein­kommen aus der produktiven Wirtschaft ist das abgeleitete Ein­kommen der Beamten, der Unterstützungsempfänger usw. zu be­trachten. Durch Steuern oder freiwillige Beiträge wird den Ein­kommensträgern ein Teil ihrer Bezüge genommen und anderen Individuen als Einkommen zugewiesen. In Deutschland werden zur Zeit etwa 25 Milliarden RM, also fast ein Drittel des Volks­einkommens, durch Steuern des Reichs, der Länder und der Kom­munen den direkten Einkommensbeziehern entzogen und zumeist (etwa 80 %) den Beamten und Pensionären als abgeleitetes Ein­kommen ausgezahlt. Hierdurch wird die Gesamtsumme des durch Produktion entstandenen Einkommens weder vermehrt, noch ver­mindert. Durch Ableitung von Einkommen kann weder eine Ver­minderung der Gesamtkaufkraft (Absatzstockung) bewirkt werden, noch eine Steigerung. Man kann eine Absatzstockung nicht dadurch beseitigen, daß man etwa die Kaufkraft der Erwerblosen erhöht, indem man den in Arbeit befindlichen Werktätigen höhere

_______________________________

1)      Einkommen aus Grundbesitz und Gewerbebetrieb (Rente), Einkommen aus Arbeit (Lohn) und aus Kapitalvermögen (Zins), sonst nichts.

 

- 27 -

 

Steuern oder Beiträge abnimmt Durch derartige Maßnahmen, wie überhaupt durch die meisten Maßnahmen, deren die öffentliche Hand fähig ist, wird nur vorhandenes Einkommen von einer Hand in die andere übertragen, nicht aber neues geschaffen.

 

 

 

b) Konsum und Ersparnisse.

 

            1. Die beiden Möglichkeiten der Einkommensverwendung. — Es kommt nun darauf an, welche Verwendung das Einkommen findet. Nicht das ganze Einkommen wird direkt von denen kon­sumiert, die es bezogen haben; vielmehr wird gewöhnlich ein Teil unverbraucht gelassen, also gespart. Ersparnisse können den Zweck haben, Rücklagen für die Zukunft, z. B. fürs Alter zu schaffen, oder Zinsertrag zu bringen, sie können aber auch einfach unverwendete Überschüsse darstellen. Man kann also Einkommen auf zweierlei Art verwenden: man kann es konsumieren oder man kann es sparen. Ist ein festes Einkommen gegeben, so kann der Konsum nur insoweit wachsen, wie man die Spartätigkeit beschränkt, und umgekehrt.

 

            2. Konsumgüter und Kapitalgüter. — Dieser grundlegenden Zweiteilung der Einkommensverwendung in Konsum und Erspar­nisse entspricht die Scheidung aller Güter, die überhaupt produziert werden können, in Konsumgüter und Kapitalgüter. Wir unterscheiden nämlich zwischen den Konsum- oder Verbrauchsgütern, die durch den einmaligen Konsum- oder Verzehrsakt vernichtet werden, und den Kapitalgütern, auch Produktionsmittel, Produktiv- oder Ge­brauchsgüter genannt, die langlebig sind und durch Gebrauch oder Benutzung Verwendung finden. Der Hauptteil der Konsumgüter wird von den Lebensmitteln, den Getränken und Kleidungsstücken sowie von  den immateriellen Diensten und Leistungen, z. B. den Verkehrsleistungen gebildet.  Wenn auch Kleidungsstücke oft eine Lebensdauer von mehreren Jahren haben und nur durch Gebrauch nützlich sind, so rechnet man sie doch zweckmäßigerweise zu den Konsumgütern. Sie werden nämlich ebenso wie die Konsumgüter aus dem Einkommen auf einmal bezahlt, während Kapitalgüter regelmäßig in Raten (Annuitäten bei Anleihen usw.) bezahlt werden. —
Der Hauptteil der Kapitalgüter dagegen besteht aus den Wohngebäuden und den Produktionsmitteln (im engeren Sinne), d.h. Den Werkzeugen, Maschinen, Fabriken, Eisenbahnen, Brücken usw.

            Entsprechend der Scheidung aller Güter in Konsumgüter und Kapitalgüter unterscheidet man auch   zwischen zwei Haupt-

 

     28     

 

industrien: Der Konsumgüter- und der Kapitalgüter­industrie.

 

            3. Sparen und übertragener Konsum. — Diese beiden Arten der Güterherstellung werden aus ganz verschiedenen Quellen gespeist. Sie entsprechen den beiden Arten der Einkommensverwendung, die wir soeben kennengelernt haben: Der Gesamterlös der Konsumgüter­produktion ist gleich dem konsumierten Teile des Volkseinkommens, und die Gesamtsumme der Ersparnisse ist gleich dem Gesamterlös der Kapitalgüterproduktion. Es können also nie mehr Wohnungen und andere langlebige Güter hergestellt werden, als gespart worden ist.

            "Sparen" bedeutet nämlich nicht, daß die Güter, die man mit dem ersparten Einkommen hätte kaufen können, unverbraucht bleiben und verderben. Die Ersparnisse werden vielmehr zu einer zweiten Art von abgeleitetem Einkommen, genauer gesagt zu "über­tragenem Einkommen": der entsprechende Betrag Kaufkraft wird vom Sparer z. B. erst an die Sparkasse übertragen, von dieser an einen Bauunternehmer, und von diesem an die Bauarbeiter, in deren Lohntüten diese "Ersparnisse" ein zweites mal zu Einkommen werden. Soweit der Bau-Unternehmer etwa Eisenträger kaufen mußte, wandern sie weiter an das Stahl- und Walzwerk, wo sie als Lohn­einkommen an die dortigen Arbeiter ausgezahlt werden usw. —

 

            4. Sparen und Kapitalgüterproduktion. — Genau besehen, wird das ersparte Einkommen entweder direkt zur Anschaffung von Produktionsmitteln verwendet: Das pflegt der Unternehmer zu tun, dessen Reingewinn höher ist, als sein Privatverbrauch:  Er kauft neue Maschinen. Oder es wird bei Banken und Sparkassen
als  Einlage  eingezahlt, oder endlich, es wird zum Ankauf von Pfandbriefen, Obligationen und Aktien verwendet. In allen diesen Fällen werden die unverbrauchten Konsumgüter, auf die der Sparer in Höhe seiner Ersparnisse einen Anspruch gehabt hatte, letzten Endes als Lohn, Zins und Rente denjenigen ausgezahlt, die aus der Kapitalgüterindustrie Einkommen beziehen: Beim Unternehmer, der aus Ersparnissen neue Maschinen kauft, dient der Kaufpreis, den er an die Maschinenfabrik bezahlt, offenbar zur Bezahlung der Löhne, Zinsen und Renten, die  in dieser Fabrik fällig werden. Läßt der Unternehmer die neuen Maschinen in eigner Regie her-­
stellen, so zahlt er selbst diese seine Ersparnisse als Einkommen an seine Arbeiter usw. aus. Sind die Ersparnisse bei den Banken usw. eingezahlt worden, so bleiben sie zumeist keinen Tag un­genützt; meist wartet schon jemand darauf, aus ihnen ein Darlehen

 

   29  

 

oder einen Kredit irgendwelcher Art zu erhalten. Derartige Kre­dite werden praktisch ausnahmslos 1) in Produktionsmitteln und andern Kapitalgütern investiert, da ihre Schuldner anders die Zinsen nicht aufbringen können, die sie laufend zu zahlen haben. Investieren in Produktionsmitteln heißt aber, solche durch irgend­einen Unternehmer von Arbeitern mit Hilfe von Produktionsmitteln herstellen lassen. Genau so ist es bei dem Ankauf von Obliga­tionen und Aktien. So dienen die Ersparnisse bis zum letzten Pfennig der der Entlöhnung von Produktionsmittelarbeitern und der Zahlung der dabei fällig werdenden Zinsen und Renten. Es ist nicht einzusehen, was mit erspartem Einkommen anders ge­schehen könnte; die Summe der Einkommen, die aus der Produktionsmittelindustrie bezogen werden, kann nie größer oder kleiner sein, als die Summe der Erspar­nisse. In Konsumgütern kann man Ersparnisse nicht anlegen, da diese verderben würden, (jz11) auch andere Quellen da sind, aus denen eine solide Lagerhaltung finanziert wird. Aufhäufen von Geld, z.B. Banknoten, bedeutet auch nichts anderes, als ein Bankgut­haben, denn die Notenbank muß einen entsprechenden Teil ihrer Aktiven in Krediten anlegen, Aufhäufen von Edelmetallen wirkt wie Konsum, kann aber außer Betracht bleiben, da es heute in nennenswertem Umfange nicht mehr vorkommt; und andere Möglich­keiten gibt es nicht.

            So werden die Ersparnisse zweimal zum Einkommen: einmal bei dem, der sie macht, und zum zweiten male bei demjenigen, der sie direkt oder indirekt (durch die Banken) in Form von Ein­kommen aus der Produktionsmittelindustrie bezieht. Da auch von letzterem Einkommen wieder ein Teil gespart zu werden pflegt, können die Ersparnisse teilweise noch mehrfach zu Einkommen werden, worauf aber hier nicht einzugehen ist. Jedenfalls werden aber auch die aus der Produktionsmittelindustrie stammenden Er­sparnisse mindestens noch ein zweitesmal zu Einkommen in der­selben Industrie.

 

            5. Verteilung der Arbeitskräfte auf die beiden Hauptindustrien. — Die Arbeiter, die Konsumgüter herstellen, decken also nicht nur ihren eigenen Bedarf an solchen Waren, sondern noch dazu den Konsumbedarf der Arbeiter, die Kapitalgüter her­stellen. Ebenso muß die Produktion der Kapitalgüterarbeiter die ganze Wirtschaft mit Kapitalgütern und Produktionsmitteln ver-

_______________________________

1)      Abgesehen von Konsumptivkrediten.

 

   30  

 

sorgen, nicht nur die eine Gruppe der Arbeiter. Wie viele Ar­beiter in der Produktionsmittelherstellung tätig sein und von den übrigen Arbeitern mit Konsumgütern versorgt werden können, ohne selbst Unterhaltungsmittel zu produzieren, hängt von dem Maße der Spartätigkeit ab. Also entscheidet die Spartätigkeit über die Verteilung der Arbeiterschaft auf die beiden Hauptindustrien: Wenn etwa ein Drittel des Einkommens gespart und zwei Drittel konsumiert werden, so dienen nur letztere zwei Drittel des Ein­kommens zum Unterhalt der in der Konsumgüterindustrie beschäf­tigten Arbeiter und zur Zahlung der dort fällig werdenden Löhne, Zinsen und Differentialrenten; das letzte Drittel Einkommen dient übertragen der Beschäftigung und Ernährung der Kapitalgüterarbeiter, genau genommen zur Zahlung der dort fälligen Löhne, Zinsen und Renten.

            Dabei ist die Höhe der Spartätigkeit nicht vom Landeszinsfuß abhängig 1), sie ist vielmehr eine Funktion der Volksgewohnheiten und besonders des Grades der Ausnutzung der gesamten volks­wirtschaftlichen Maschine, worauf später noch näher einzugehen sein wird. Durch diese Kapitalbildung ist das Angebot an Kapital­disposition begrenzt und bestimmt

 

            6. Kapitalbildung. — Sparen ist nach all dem gleichbedeutend mit Kapitalbildung: Unter "Kapital" sind Häuser, Maschinen, Brücken und alle anderen langlebigen Gebrauchsgüter zu verstehen, die man durch Aufwand von Lohn, Zins und Gewinn herstellen kann. Alle diese Werte werden in gerade dem Maße produziert, wie gespart wird, wie Einkommen also übertragen wird. Demnach ist richtiges Sparen nicht allein eine Art Enthaltung, sondern auch noch eine positive Leistung, nämlich die Verwendung der ersparten Konsumgüter für den Unterhalt von solchen Arbeitern, die Sachen von dauerndem Wert herstellen; kurz, Kapitalbildung durch Sparen ist nichts anderes als die Her­stellung von realen Kapitalgütern selbst.

 

            Zusammenfassung. — Wir fassen also zusammen: Der Erlös aus dem Verkauf der Produktion besteht aus zwei Teilen: dem Erlös der Konsumgüterproduktion und dem Erlös der Kapitalgüter­produktion. Beide werden von der Unternehmerschaft in Form von Produktionskosten 2), also von Lohn, Zins und Gewinn als Einkommen

_______________________________

1)      Nachdem Cassels dahingehender Beweisversuch vollständig fehlgeschlagen ist; vgl. die gesondert erscheinende dogmenkritische Arbeit des Verf.

2)      Hier einschließlich Differentialrente gemeint.

 

 

- 31 -

 

an die beteiligte Bevölkerung ausgeschüttet. Dieses Einkommen wird teils zum Konsum verwendet, teils gespart Die Konsum­ausgaben sind gleich dem Erlös der Konsumgüterproduktion und die Ersparnisse gleich dem Erlös der Kapitalgüterproduktion, sodaß beide Teile der Produktion restlos abgesetzt werden können: die Konsumgüterproduktion an die "Konsumenten", die Produktions­mittelproduktion an diejenigen Unternehmer, Hausbesitzer usw., denen die Sparer ihre Spargelder direkt oder auf dem Wege über die Banken geliehen hatten.

Genau genommen ist es also nicht so, daß Produktion gleich Konsum ist, wie wir erst angenommen hatten, vielmehr würde das nur gelten, wenn man unter "Konsum" die gesamte Güterabnahme einschließlich der langlebigen Güter verständen. Da der Sprach­gebrauch aber dem entgegensteht, haben wir dem Begriff der zweigeteilten Gesamtproduktion auch eine zweigeteilte Einkommens­verwendung gegenübergestellt, von der der "Konsum" (im engeren Sinne) nur ein Teil ist. Es bleibt aber bestehen, was das Ziel der Auseinandersetzung war, daß nämlich Produktion gleich Einkommen ist, so daß prinzipiell ein glatter Absatz aller hergestellter Güter gewährleistet erscheint.

 

            c) Die Problematik der Verteilungslehre und die Störungen im Absatz.

 

            Mit dieser einfachen Lösung, daß es nämlich logischerweise gar keine Absatzstockungen geben könne, haben sich seit J. B. Say eine große Anzahl von Nationalökonomien begnügt Heute, wo die Tatsache des Absatzmangels offener zutage liegt als je, reicht diese Antwort nicht mehr aus. Eine genaue Analyse zeigt denn auch, daß die Produktion-Einkommensgleichung nur unter bestimmten Voraussetzungen gilt, die noch nicht erwähnt sind.

 

            I. Der Zeitunterschied. — So müssen wir uns zuerst vor Augen halten, daß der Absatz der Produktion nicht eine mathe­matische Gleichung, sondern ein in der Zeit sich vollziehender Vorgang ist. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, wann der Unternehmer den Produktionserlös verteilt, durch den die Käufer in die Lage versetzt werden sollen, seine Ware zu kaufen.

            Verteilt der Unternehmer den Erlös erst nach dem Verkauf, so würden wir eine unmögliche Voraussetzung machen, indem der Unternehmer solange nichts verkaufen kann, als er noch keine Kaufkraft verteilt hat. Erste Voraussetzung der Gültigkeit

 

    32   

 

unserer Gleichung ist also, daß der Unternehmer Mittel und Wege findet, den Erlös schon zu verteilen, ehe er ihn hat.

 

            1. Die Diskontierung. — Das kann geschehen, indem der Unternehmer etwa Geld vorgeschossen erhält, ehe er die Ware verkauft hat, oder indem er die Ware selbst auf Ziel verkauft, den Erlös aber von dritter Seite sofort erhält. Die Erfahrung hat gezeigt, daß der erste Weg äußerst gefährlich ist, indem die Unter­nehmer dann verleitet werden, Waren herzustellen, die sich später als unverkäuflich erweisen und wertlos werden. Man hat daher schon seit den Erfahrungen der schottischen Banken dieses "Lombardprinzip" aufgegeben und ist zum "Diskontprinzip" übergegangen.
Hierdurch wird der Unternehmer in die Lage versetzt, schon dann Lohn und Zins zu verteilen und Gewinn zu realisieren, wenn sein Produkt zwar an den Handel verkauft, der erlöste Preis aber noch nicht bezahlt ist. Durch eine solche Diskontierung wird der ihm angeschlossene Teil der Bevölkerung gerade insoweit kaufkräftig, daß die Güter  restlos vom letzten Konsumenten aus der Hand des Handels gekauft werden können. Die Produktion ist damit abgesetzt, die Läger sind geräumt und die vorhandenen Arbeitskräfte sind wieder von neuem erforderlich, um weitere Waren herzustellen.

 

            2. Die Banken und der Umsatzkredit. — Diese Diskon­tierung wird von den Kreditbanken geleistet. Ihr richtiges Funktio­nieren ist also die zweite Voraussetzung, die erfüllt sein muß, wenn die Gleichung verwirk-licht werden soll. Die  Banken bedienen sich zur Durchführung ihrer Aufgabe des Umsatzkredits, der eine umfangreiche Organisation verlangt, die von der Metropole bis ins letzte Dorf reichen muß.

 

            Einer weitverbreiteten Ansicht zufolge haben die Banken auch die Macht der Kreditschöpfung, sie können also bewirken, daß insgesamt mehr Kaufkraft zu (zur? - J.Z.) Verfügung steht, als von den Unternehmern in Umlauf gesetzt worden war. Hier werden eingehende Untersuchungen über die Zweckmäßigkeit des gegenwärtigen  Kreditsystems erforderlich sein, um beurteilen zu können, ob etwa hier die Ursache des Absatzmangels, von dem die Arbeitslosigkeit nur eine Abart ist, zu finden sei.

 

            3. Der Notenumlauf und die Zentralnotenbanken. — Die Leistungen der Banken wiederum hängen in hohem Maße ab von der Qualität und der Quantität des Geldes, daß sie von den Zentralnotenbanken ihrer respektiven Länder zur Verfügung ge­stellt erhalten, weiter auch von der Kreditpolitik dieser Banken und ihren Maßnahmen zum Ausgleich der internationalen Zahlungs-

 

   33  

 

bilanzen. Eine eingehende Untersuchung dieser Gruppe von Pro­blemen, die sich an den Umsatzkredit, die Kreditbanken und die Noteninstitute knüpft, würde zu dem Ergebnis führen, daß eine tiefergreifende, in Jahrzehnten durchzuführende Reform unseres Banksystems anzubahnen ist. Damit wäre gegenüber der im Jahre 1930 besonders scharf auftretenden akuten Arbeitslosenkrise nichts gewonnen. Da sich gleichzeitig ergibt, daß die besondere Schärfe und der ungewöhnliche Umfang dieser gegenwärtigen Arbeits­losenkrise nicht durch derartige Störungen des Umsatzkredits, sondern durch Stockungen in der Kapitalbildung und im Anlage­kredit verursacht sind, wird sich die vorliegende Schrift auf die Behandlung dieser letzteren Probleme beschränken. Hier sind sofortige und wirksame Maßnahmen möglich, da hier nicht eine Umgestaltung der vorhandenen Bankorganisation, son­dern nur eine neue und bessere Bankpolitik gefordert zu werden braucht. Nach der Durchführung dieses "Bank- und Finan­zierungsprogramms" wird noch eine gewisse Arbeitslosigkeit übrig bleiben, die nur durch eine tiefergreifende Änderung der Bankorganisation beseitigt werden kann. Die im wesentlichen fertig­gestellte Abhandlung, die sich mit diesen Problemen und Maß­nahmen beschäftigt, hofft der Verfasser im nächsten Jahre veröffent­lichen zu können.

 

            II. Der unvollendete Sparvorgang. — Eine weitere Gruppe von Störungen muß sich aus der Eigentümlichkeit des Sparvor­ganges ergeben. Wir hatten gesehen, daß die Spartätigkeit nicht mit der negativen "Enthaltsamkeit", dem Nicht-Konsumieren, zu verwechseln ist. Ihr muß sich vielmehr ein positives Element zugesellen, wenn aus dem "Enthalten" ein "Kapitalbilden" werden soll. Dieses positive Element ist nicht nur beim volkstümlichen Sprachgebrauch heute sehr oft zu vermissen, sondern auch in der wissenschaftlichen Behandlung des Kapitalbildungsproblems 1). Schon Proudhon war sich der hier gelegenen Schwierigkeit be­wußt, indem er die Preissteigerung, von der die Waren beim Ver­lassen der Fabrik betroffen werden, für die Absatzschwierigkeiten seiner Zeit verantwortlich machte. Er glaubte, daß der Profit die Ursache dieser Störungen sei, indem durch ihn die Ware so verteuert würde, daß sie für die Kaufkraft derer, die sie hergestellt hatten, unerreichbar werde.

_______________________________